DEUTSCHE VOLKSMÄRCHEN AUS DEM
SACHSENLANDE IN SIEBENBÜRGEN
Joseph Haltrich
She Karl Wemhold Library.Presented to Iheliniversity! of California bu C John d Spreeckels gg AD mpCCCCMm
Deutſche Volksmärchen
aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen
geſammelt
von
Joſeph Haltrich,
Profeſſor am evangeliſchen Gymnaſium zu Schaͤßburg.
Berlin, 1856. Verlag von Julius Springer.
Sg n
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Borwort.
Es war im Jahre 1842, als ich, ein Schüler des Schäß- burger Gymnaſiums, zum erſtenmal die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm aus der Schäßburger Schulleſebibliothek in die Hände bekam. Da wurde ich von nicht geringer Freude und nicht geringem Erſtaunen ergriffen, als ich in dem Buche faſt alle die ſchönen Ge— ſchichten aufgezeichnet fand, die ich ſeit den erſten Jahren meiner Kindheit von meiner Mutter, Großmutter, meinen ältern Geſchwiſtern und von der, in meinem Heimatsort Sächſiſch Regen, damals ſehr berühmten und allbekannten Erzählerin, Stephan Anna Marie, gehört hatte. Das Buch kam von da an nicht aus meinen Händen und ſo
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oft ich mich in den frohen Erinnerungen aus der fruͤhern Jugendzeit ergehen wollte, nahm ich es hervor und er— quickte mich daran. f
Als ich im Herbſt 1845 die Univerfität Leipzig be⸗ zog, fand ich dort meinen Freund Wilhelm Schuſter aus Mühlbach, der noch fein letztes Semeſter daſelbſt zu ver— bleiben hatte. Seine große Begeiſterung für Erforſchung alles deſſen, was unſer ſächſiſches Volksweſen und Volks— leben betrifft, geweckt durch das Studium der Schriften von Jacob und Wilhelm Grimm u. A., theilte ſich mir und in der Folge mehreren unſerer Freunde, namentlich Friedrich Müller, Johann Mätz und Johann Albert mit, ſo daß wir uns mit Eifer auf die, zu jener Aufgabe vorbereitenden, Studien verlegten. In den wirrvollen und ftürmifchen Jahren 1848 und 1849, wo wir Gleich⸗ ſtrebenden meiſt ſchon in der Heimath waren, konnte na— türlich an eine ſo ſtille und friedliche Arbeit, als wir vorhatten, nicht gedacht werden. Kaum war aber die Ruhe hergeſtellt, ſo nahmen wir nach einem vorher be— ſprochenen Plane mit Luſt und Ernſt die Sache in An— griff. Jeder der Freunde ſollte zwar Alles ſammeln, deſſen er in ſeinem Kreiſe habhaft werden könnte; allein jeder ſollte ſein Augenmerk vor der Hand nun auch ganz be— ſonders auf einen Gegenſtand richten und von den an— dern durch einſchlägige Beiträge unterftügt werden. So übernahm nach freier Wahl Wilhelm Schufter für ſich
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als nächſte Hauptaufgabe die Sammlung ſaͤchſiſcher Volks— lieder, Räthſel ꝛc., Friedrich Müller die Sammlung ſäch— ſiſcher Sagen und ich die Sammlung ſäaͤchſiſcher Märchen, Johann Mätz die Sammlung von Sitten, Gebräuchen, herkömmlichen Reden und Redensarten ꝛc., Johann Albert verſprach für die andern Beiträge.
So iſt es bei dieſer getheilten und doch vereinten Thätigkeit und der Aufmunterung, welche die Sammler vom Verein fur ſieb. Landeskunde und mehreren um die hiſtoriſchen Wiſſenſchaften Siebenbürgend verdienten Män- nern erfahren haben, ſchon nach kurzer Zeit möglich ges worden, daß Einiges von unſeren Arbeiten ans Licht tre— ten kann. Zu gleicher Zeit mit dieſen Märchen erfcheinen die ſächſiſchen (oder da der Sammler auch die ihm zu— gänglichen magyariſchen und walachiſchen 1c. aufgenommen hat) fiebenbürgifchen Sachen von Friedr. Müller und hoffentlich bald die ſächſiſchen Volkslieder von Wilhelm Schuſter. Unſere gemeinſchaftlichen Sammlungen für Volksſprache (einen reichen Vorrath in dieſer Beziehung beſitzt Herr Schulrath Karl Schuller), Sitten, Gebräuche, Aberglauben u. ſ. w. ſchreiten inzwiſchen auch immer fort und die Freunde für dieſerartige Thätigkeit mehren ſich von Tag zu Tage.
Nach dieſer kleinen Abſchweifung beſchränke ich mich darauf, über die vorliegende Maͤrchenſammlung allein zu ſprechen.
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Wilhelm Schuſter war es, der mich noch in Leipzig darüber belehrte, daß eine treue Aufzeichnung unſerer, im Volksmund lebenden, Märchen keine fo überflüffige Arbeit ſei, wie mir das anfangs geſchienen, da ich die meiſten dem Hauptinhalte nach in der Grimmſchen Sammlung zu finden meinte und die einzelnen Abweichungen und be— ſondern Geſtaltungen nicht für gar weſentlich hielt. Er ſelbſt begann zuerſt und zwar ſchon in Leipzig eine Sammlung, indem er die Märchen, die er aus feiner Kindheit wußte und die er von mir hoͤrte, niederſchrieb. Dieſe vermehrte er, ſobald er von der Univerſität heim— gekehrt war und als ich die Bearbeitung und weitere Sammlung als meine nächſte Hauptaufgabe übernahm, bildeten die Märchen von Wilhelm Schuſter die erſte Grundlage. Ich fing die Sache nun auch damit an, daß ich diejenigen, deren ich mich erinnerte, unabhängig von der Schuſterſchen Aufzeichnung niederſchrieb und dieſelben in den Vacanzen bei meinen Eltern in Saͤchſiſch Regen berichtigte, indem ich mir ſie von meiner Mutter, die ſie treuer im Gedächtniß behalten, wieder erzählen ließ. Mit Hilfe dieſes meinen kleinen Vorrathes gelang es mir aber bald, eine Quelle zu eröffnen, die mir auf einmal reich— lichen Zufluß verſchaffte und noch lange nicht erſchöpft ſein wird.
Mit dem Schäßburger Gymnaſium iſt auch ein Se: minarium fur Dorfſchullehrer und Dorfprediger verbunden.
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Die Schüler deſſelben, deren Zahl zwiſchen fünfzig und ſechzig ſchwankt, ſind meiſt aus den umliegenden, oder auch entferntern ſächſiſchen Dörfern. Dieſe nun nahm ich einzeln oder mehrere zuſammen zu mir, erzaͤhlte ihnen die Märchen, die ich hatte und fragte fie dann, ob ſie dies ſelben oder ähnliche nicht auch zu Haufe gehört. Ans fangs waren die jungen Leute ſcheu und zurückhaltend und wollten nicht viel wiſſen. Sie mochten wohl glau— ben, daß ich ſie zum beſten habe, denn was könne mir an den kleinlichen und unwahren Geſchichten viel liegen. Als ſie aber ſahen, daß ich vollkommen Ernſt habe und als auch meine andern Kollegen ſie aufmunterten, ſich daheim Märchen erzählen zu laſſen und mir dieſelben wieder zu erzählen, ſo ſtrömten ſie mir bald in Menge zu und nach jeder Vacanz hatte ich eine reiche Ernte. Außerdem bekam ich ſchriftliche Beiträge aus dem benach— barten Mediaſch, wo ebenfalls mit dem Gymnaſium ein Dorfſchullehrer- und Prediger-Seminarium verbunden iſt und wo meine Freunde, die Gymnſiallehrer Michael Salzer und Franz Obert auf mein Erſuchen die Schuͤler zum Niederſchreiben von heimiſchen Volksmärchen an— hielten. Wie ungenau auch manche dieſer Aufzeichnungen find, fo find mir doch alle willkommen, da fie mir über die Verbreitung einzelner Märchen, die ich in mehr— fachen, weit beſſeren Relationen beſitze, erwünſchten Auf— ſchluß geben.
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Bei dieſem großen Zufluß wähnte ich in einem oder in zwei Jahren wohl den geſammten Maͤrchenvorrath, den unſer fächfifches Landvolk beſitzt, zuſammen zu bes kommen und wollte an eine Sichtung und Ausarbeitung auch nicht eher gehen, als bis ich die Ueberzeugung ge⸗ wonnen, daß kein neues Märchen oder keine eigenthüm⸗ liche abweichende Erzählung irgend eines Märchens mehr zu finden ſei. Vor einem Jahre aber ſah ich zu meiner Freude ein, daß dieſes noch längere Zeit nicht der Fall ſein werde und ich kam mir vor, wie jener thörichte Bauer oder die vier Finger in unſerm Märchen (Nr. 73.), die an dem Fluſſe ſtehen und abwarten wollen, bis das Waſſer abfließe. Darum beſchloß ich einmal Halt zu machen und aus der Maſſe des Geſammelten eine Aus— wahl zu treffen und das iſt eben die vorliegende Samm— lung.
Sie enthält den reinen Text von acht und ſiebenzig Märchen, die alle auf mehr, als zwei Erzählungen beruhen. Nach zwei, höchſtens drei Jahren wird es mir möglich ſein, eine neue Aushebung von Volksmaͤrchen zu liefern, darunter auch im Zuſammenhang eine Reihe von Thiermaͤrchen“) und als Anhang eine wiſſenſchaftliche Abhandlung““) über
*) Die nämlichen (aber vermehrt und hie und da in der Dar— ſtellung verbeſſert), welche ich in dem Programm des Schäßb. Gymn. v. J. 1854—55 zuſammengeſtellt habe.
) Man darf es wohl dem Sammler nicht verargen, wenn er
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den geſammten Inhalt und endlich Anmerkungen und Erläuterungen“) zu allen gelieferten einzelnen Stücken. Ein möglichſt vollſtändiger Abſchluß der Sammlung, in der zunächſt alle ſächſiſchen Mährchen aufgenommen wären, dann auch alle oder wenigſtens die bedeutendſten
durch eine ſolche Arbeit ſein lebendiges Intereſſe an der Sache zu erkennen gibt, an deren Ausführung aber natürlich erſt die Hand angelegt werden kann, wenn einmal ein Abſchluß gemacht und eine Ueberſchau des ganzen Gebietes möglich iſt.
*) Die Anmerkungen und Erläuterungen werden zunächſt den Heimathsſchein der einzelnen Märchen und bedeutendere Varianten enthalten, dann Erklärungen einzelner Punkte darin aus der ſäch— ſiſchen Volksſprache, den Sitten, dem Aberglauben u. dgl. — fer— ner eine Vergleichung mit fremden ausländiſchen und inländiſchen und letzterer Beziehung namentlich mit magyariſchen und walachi— ſchen Märchen. Die mir bekannten Aufzeichnungen magyariſcher Märchen von Gaal, Mailath, Erdely — walachiſcher von Schott und Waldburg, find zum Theil ungenau und nicht echtfärbig, alle aber noch dürftig und gering und laſſen den großen eigenthüm— lichen Reichthum kaum ahnen, den beide Nationen beſitzen. Es iſt ſehr zu bedauern, daß trotz mehrfacher Anregung lich erinnere nur an Arnold Ipolyis magy Mythol. und Joh. Karl Schullers: über romäniſche Volkspoeſie, in den öſtr. Blättern für Litt. und Kunſt Nr. 20 u. 21, 1855) noch kein gebildeter ſiebenbürgiſcher Magyare oder Walache in wiſſenſch. kritiſcher Weiſe die großen geiſtigen Schätze des eigenen Volks zu heben unternimmt. Unter den Seklern in Siebenbürgen, die eine ziemlich kompakte Maſſe bilden, dürfte wohl eine der reinſten Quellen magyar. Volkspoeſie zu finden ſein. Wie weit Kriza's, des ungriſchen Volksdichters Sammlung der Sekler Sagen gediehen und wie weit Ladislaus Kövari (bekannt außer anderm durch ſeine Beſchreibung ſieb. Alter— thümer, an die er einige ſieb. Sagen angeknüpft hat) in ähnlicher Richtung thätig iſt, weiß ich nicht zu ſagen.
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abweichenden Erzählungen der einzelnen Stücke im Anz hang Berüdfihtigung fänden, iſt wohl noch lange nicht zu erwarten und ſo wird die folgende abſchließende Sammlung nur der erſte derartige Verſuch ſein, der im voraus die Nachſicht der Sachverſtändigen in Anſpruch nimmt.
Die Reihenfolge der hier gelieferten Maͤrchen iſt nicht eine willkürliche. Vorangeſtellt ſind die mit ent— ſchieden und ſichtbar mythiſcher Grundlage, geordnet nach einem Hauptzug ihrer Verwandtſchaft, dann folgen die ſchwankhaften, zuletzt die Kleinkindermärchen, darunter auch einige Thiermärchen.
In ſächſiſcher Mundart habe ich jetzt abſichtlich nur ein Stück (Nr. 54) gegeben, damit die Sammlung durch Mittheilung von mehreren nicht ein zu buntes Ausſehen gewinne. In den Anmerkungen der neuen Folge werden aber auch die mundartlichen Relationen, namentlich der ſchwankhaften und Kleinfindermärchen, wohl eine beſſere Stelle finden.
Was die Darſtellung betrifft, ſo habe ich nach dem unerreichbaren Muſter der Griminſchen Aufzeichnungen mich bemüht, im Allgemeinen den einfachen Ton der beſten Erzähler feſtzuhalten, im Beſonderen aber Treue und Wahrheit in der Sache, nicht im Ausdruck zu ſuchen. Wie matt und abgeſchliffen auch die beſte ſchriftliche Auf: zeichnung iſt gegen die lebendige Darſtellung eines guten
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Erzählers, das habe ich genugſam erfahren. Zunaͤchſt kann man viele lebendigen Ausdrücke und Wendungen der Volksſprache im Hochdeutſchen gar nicht geben; dann läßt ſich der wechſelnde Ton und das Mienenſpiel der Erzähler, das Leuchten ihrer Augen, ihre Theilnahme, Freude oder Angſt u. ſ. w., was doch weſentlich die Wirkung auf die Zuhörer bedingt, nicht mit darſtellen. Wer aber aus unmittelbarer Erfahrung dieſes kennt, für den wird auch die todte, ſchriftliche Aufzeichnung, wenn ſie nur einfach und natürlich gehalten iſt, das rechte Leben gewinnen. Die gewunſchte Gleichmäßigkeit der Darſtellung, wie ſie nach dem verſchiedenen Gehalt und Ton der einzelnen Märchen überhaupt möglich iſt, habe ich, wie ich wohl einſehe, nicht erreicht; an manchen Stellen finde ich noch ein allzuſtarkes Haften an den Worten des Erzaͤhlers und hie und da iſt wohl auch ein krankhafter, ſentimentaler Zug ſtehen geblieben. Wie ganz anders weht dagegen durch alle Grimmſchen Mär— chen der reine Hauch eines geſunden und friſchen Lebens!
Ueber den eigenthümlichen Werth, den dieſe Volks⸗ märchen haben mögen, wage ich es nicht, jetzt etwas zu ſagen, da ich nicht genau weiß, ob auch nur eines dar— unter etwas ganz Beſonderes an ſich hat, das in den bisherigen zahlreichen ſchriftlichen Aufzeichnungen keine Analogie finden oder ſonſt in lebendiger Ueberlieferung nirgends vorkommen ſollte. Wenn ſie übrigens auch gar
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nichts ganz Neues bringen ſollten, ſo geben ſie doch we— nigſtens ein Zeugniß von der beſondern Geſtaltung und Verbreitung ſchon bekannter Märchen.
Bei der Zuſammenſtellung dieſer Sammlung, das auch als ein für ſich abgeſchloſſenes Ganze betrachtet werden kann, hatte ich nicht ſo ſehr den Zweck, das wiſſenſchaftliche Intereſſe zu befriedigen, als vielmehr nach mehreren Richtungen hin eine freundliche Gabe zu bieten.
Zunächſt bringe ich dieſe Volksmaͤrchen dar unſerm ſächſiſchen Landvolke. Ich habe ſie von ſeinem Eigenthum genommen, zu ihm ſollen fie daher auch zuerſt einſprechen, damit es darin, wie in einem Spiegel, etwas von ſeinem geiſtigen Weſen und Leben ſchaue. Wenn aber das Buch ſelbſt auch nicht in die Bauernhütten gelangt, jo vers ſchlaͤgt das nichts; denn wo man ſtets aus friſcher Quelle trinken und ſich erquicken kann, hat man das altgeſchoͤpfte und abgeſtandene Waſſer nicht von nöthen; nur hören ſoll das Volk davon, daß darin die Geſchichten enthalten ſind, die es ſo treu hegt und pflegt und daß ſie auch andere Menſchen erfreuen. Dann wird ſich ſeine Luſt daran verdoppeln und die Märchenerzähler, die hie und da ſchon der Verſpottung anheimfallen, werden wieder zu Ehren kommen und die Familien werden allgemein, wie ehemals, in den langen Winterabenden um den großen lutheriſchen Ofen ſich verſammeln und in das helle, kni⸗
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ſternde Feuer blickend, den Erzählungen des Vaters, der Mutter und Großmutter andächtig zuhören.
Unſere Zeit allgemeiner Zerſetzung und Zerſplitterung droht auch dem deutſchen Volksthum in Siebenbürgen Gefahr; unheilverkuͤndende Stimmen, deren Zahl ſich von Tag zu Tage mehrt, wollen den Untergang in nicht all⸗ zugroßer Ferne erblicken. Mich hat bei der Sammlung von dieſen Märchen, von Volksüberlieferungen und Bräu— chen ein ſtarker Troſt überkommen, daß jener Untergang doch nicht ſo nahe und wohl noch abzuwehren ſei, indem ich als Zeichen deſſelben: angebliche phyſiſche und geiſtige Erſchlaffung in unſerm Volke nicht ganz begründet finde. Ein Volk, das ſeine Sprache und ſein geſammtes gei— ſtige Erbe der Vorzeit unter mancherlei heftigen Stürmen ſo lange treu erhalten, in dem noch gegenwärtig ſo viele friſche Brunnen alteigenthümlichen Lebens ſprudeln und quellen, kann nicht ſo ſchnell untergehen und das wird wohl, wenn es nur den Muth hat, ſich aufzuraffen, noch im Stande ſein, gegen die zerſetzende Strömung von Außen neue Schutzdämme zu bauen.
Zweitens bringe ich dieſe Volksmaͤrchen dar den Bürgerfamilien in unſern ſächſiſchen Städten. Hier klopfen ſie freilich etwas zaghaft an und ſehen in den ſtolzern Häufern nicht einem fo freundlichen Willkommen entgegen, als in den einfachen Bauernhütten, wo ſie ſich mehr heimiſch fuͤhlen. Mit dem alten lutheriſchen Ofen
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iſt auch die alte, ſtille Gemuͤthlichkeit, welche die Familie ehemals am Abend um den häuslichen Heerd verſammelte, aus den meiſten Buͤrgerhäuſern der Stadt verdrängt wor— den; kalte, nüchterne Trockenheit, ſtummer Ernſt, oder rauſchende und klappernde Genüſſe, die das Herz leer laſſen, ſind an ihre Stelle getreten. Der Zeitgeiſt, der eine ſo ſtarke Richtung nach dem Materiellen und äußern Genuß genommen und den kalten Verſtand auf den Thron geſetzt hat, zerſtört auch in unſern Städten die ſtille, ge— nügſame Häuslichfeit allmälig und die gemüthliche Erzie— hung im Hauſe durch die muͤndliche Fortpflanzung alter Traditionen und Familienerinnerungen von den Eltern auf die Kinder hört immer mehr auf. Aber auch unſere heutige öffentliche Erziehung iſt zum Theil von dieſem Geiſte kalter Nüchternheit und Trockenheit ergriffen, indem ſie Alles, was nicht aufs praktiſche Leben Bezug hat, was nicht mathematiſch wahr iſt, wie 2 mal 2 gleich 4, von den Kindern fern zu halten befiehlt. Da ſollen denn auch die „albernen“ Märchen, die nur die Unwahrheit und den Aberglauben befördern, unterdrückt werden. Dafür bietet man den armen Kindern, deren lebhafte Phantaſie doch beſchaͤftigt fein will, entweder oft gar nichts, oder gibt man ihnen nicht ſelten — die vielen vortrefflichen Jugendſchriften der Art nehmen wir rühmend aus — ſogenannte Kinderbücher moraliſchen Inhalts in die Hände, mit meiſt erfundenen und gemachten Geſchichten ohne
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Leben und natürliche oder poetiſche Wahrheit, wie: vom böſen Fritz, vom frommen Anton u. dgl. und hetzt ſie zum Leſen deſſen, was ſie nicht verſtehen, was ihren regen Geiſt nicht beſchäftigt, ihm keine rechte Nahrung bietet; von ſchlechten und verderblich wirkenden Büchern, die man ihnen wohl auch zuſteckt, gar nicht zu reden.
Wahrlich der Theil unſerer ſtädtiſchen Jugend, dem, aus welchen Urſachen immer, das geheimniß- und zauber— volle Wunderland der Märchen verſchloſſen geblieben, der nicht berührt und angehaucht worden von dem Dufte dieſer reinen Kinderpoeſie, offenbart auf eine ſchreckenerre— gende Weiſe, eine Kälte und Trockenheit des Gemuͤthes, vor der einem bange wird. Darum möchten dieſe ge— ſchriebenen und gedruckten Volksmärchen hier bei dieſer Jugend ganz beſonders Einlaß ſuchen, da ſie ihnen ein Gut verſchaffen, das ihnen eigenthümlich gehört, das man ihnen bisher ungerechter Weiſe entzogen.
Zuletzt bringe ich dieſe Volksmärchen als Gabe dar unſern Stammesgenoſſen im fernen Mutterland. Auch ſie mögen neben vielem Andern, ihnen ein willkommenes Zeugniß geben, daß das kleine Reis von der großen deutſchen Eiche, welches in den fernen Oſten verpflanzt worden, zu einem Bäumchen herangewachſen, ſein urſprüng— liches Leben und Weſen noch immer bewahrt. Dann mögen die Brüder draußen, wenn ſie auch hieran erken— nen, daß wir mit ihnen Fleiſch von einem Fleiſch und
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Geiſt von einem Geiſte ſind, mit wohlwollender, freund⸗ licher Theilnahme unſer gedenken!
So tretet denn eure Wanderung in die fremde Welt an, ihr ſtillen, beſcheidenen Maͤrchen, und wo ihr offenen kindlichen Sinn und empfaͤngliche Gemüther findet, da kehret ein und fchlaget eure bleibende Wohnung auf!
Schäßburg, am Tage Dorothea 1856.
Joſeph Haltrich.
Inhalt.
— —
Die beiden Goldk inden 8 1 Die drei Rothbaͤrdttre 8
Das Hirſekorn Die Hälfte von Allem
ff... , ²˙¹¹wꝛ¹ . · m BU BOB A a UA ² ˙öðÜ ͤ— Ä! 12. Unſer Herrgott und der Kirchenvatr!k 62 13. Der Federksni gg 63 EC r ⁰˙·¹afꝛA¾—⁰] ˙ ůoeu ia ee 15. Der Wunderbaummnm . 70 .. ] ꝛ¹»²²AAA ˙²i⁰mdÄ· . ; ⅛mmh
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20. Der Knabe und die Schlangne 1100 21. Die Königstochter in der Flammenburg ... 109
22. Der Hünentödter . ee 23. Das Roſenmädchen . ’ ; g
24. Die beiden Geſchwiſter und die drei Huude . 127 ute Peter und feine falſchen Brüder .. 137 26. Der Königsſohn und die Teufelstochter .. . Bl 27. Der liſtige Schulmeiſter und der Teufel 28. i f
Des Teufels Hilfe 7 — 167 29. Die beiden Fleiſchhauer in der Hölle . 2 2 .. 170 30. Die Erlöſung . ; 8 RR Bi. Die Dante TE © er I 32. = Srbjenfinder 2 22 een. 183 33. Von den zwölf Brüdern, die zwölf Schweſtern zu Frauen
ſuchen 187
34. Die beiden Mädchen und die Hnre .. I90 35. Das Zauberhor nnn 1194 36. Die drei Brüder und der Hüne .. 37. Die drei Schweſtern bei den Menſchenfreſſern .. 206 38. Von der Königstochter, die aus ihrem Schloſſe Alles
in ihrem Reiche ſuauaughſ)!)9)hh0h .. . 209 39. Die Geſcheuke der Schönen. 213 40. Die verſteckte Königstochter 217
41. Verſtand und Glück. > : 221 42. Der Rohrſtengel. ; a 225 43. Das Borſtenkind d 228
2. A. ei. 2 n voten en 1 —
—— Den alten Vene x bet
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Die Maͤhr von den fünf Fingern . Die Büffelkuh und das Fiſchlein . Tod des Hühnchens
Begräbniß des Hühnchens
Die Reiſe des Enteleins .
Von dem Jungen, der immer eu pete 5
Seite 325 328 328 331 334 335
J. Die beiden Goldkinder.
Vor vielen, vielen Jahren geſchahe es einmal, daß zwei Mägde im Feld nicht weit von der Landſtraße arbeiteten; die eine rupfte Hanf, die andere ſchnitt Korn; ſie ſprachen aber mit einander von mancherlei und waren luſtig und guter Dinge. Nur einmal“) kam auf einem ſtattlichen Roß der junge König herangeritten. Die Mägde ließen von ihrer Arbeit, ſtanden und ſtaunten. Als der König ganz nahe war, grüßte er die Jungfern freundlich und da rief die Jüngſte gleich der Aeltern: „wenn mich der König zum Weibe nähme; würde ich ihn und ſeinen ganzen Hof mit meinem Hanf bekleiden!“ „Und ich,“ ſagte die Aeltere, „würde, wenn er mich zu ſeiner Köchin machte, ihn und ſein ganzes Haus mit meinem Korn ernähren!“ Dieſe Reden hatte der hohe Herrſcher gehort und da ſie ihm wohlgefielen, ſchickte er am folgenden Tage nach den beiden Mägden und wählte ſich die Jüngere zu ſeiner Ge— mahlin, die Aeltere aber machte er zu ſeiner Oberköchin und gab ihr die Aufſicht über alle Bäcker und Köche des Reichs. Anfangs fühlten ſich beide Mägde ſehr glücklich, bald aber er— wachte in der Aeltern der gelbe Neid: ſie wäre ſelbſt gerne in der Stelle ihrer jüngern Freundin geweſen. Darum erdachte
*) Nur einmal im Sächſiſchen mit vielfacher Bedeutung = plötzlich, ſo eben, indeſſen, in der Weile. Deutſche Volksmärchen aus Siebenbürgen. 1
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fie bei ſich einen Plan, wie fie dieſelbe verderben ſollte. Sie ſtellte ſich gegen die junge Königin ſehr unterthänig und treu und dieſe in ihrem argloſen Herzen liebte ſie, wie zuvor, als ſie noch Geſpielinnen waren. Nun kam aber die Zeit, daß die junge Königin gebären ſollte; die Köchin hatte unter gutem Vorwande alle Leute aus der Nähe entfernt; die Königin ge— bar zwei wunderliebliche Kinder, einen Knaben und ein Mäd— chen mit goldnen Haaren. Die arge Köchin nahm nun dieſe ſchnell, ohne daß es die kranke Königin merken konnte, eilte mit ihnen in den Hof und vergrub ſie in den Miſt, lief dann wieder hinein und legte ein Hündchen und ein Kätzchen an die Stelle der Kinder und ſetzte ſich neben das Bett. Bald darauf bat die Königin ihre Freundin, ſie möchte ihr die Kinder zeigen. Da fing dieſe an zu jammern und zu klagen: „o Gott, wünſche dir das nicht; es iſt ein großes Unglück ge— ſchehen.“ Damit ſtand ſie auf und lief wehklagend hinaus und erzählte es den Hofleuten und dieſe erzählten es weiter und bald kam es an den König. Als dieſer hörte, daß fein Weib einen Hund und eine Katze geboren hätte, ward er ſehr zornig und ließ gleich die beiden Thiere erſäufen und ſein Weib lebendig begraben. Nicht lange darnach heirathete er die Köchin. Aus dem Miſt aber, worin die beiden Kinder begraben worden, wuchſen zwei goldne Tannenbäumchen hervor, ſo ſchön, daß es eine Luſt war, ſie anzuſchauen und der König beſonders hatte große Freude daran. Doch der Königin pochte immer das Herz, wenn ſie die Bäumchen ſah und am Ende konnte ſie ihren Anblick nicht mehr ertragen; ſie ſtellte ſich daher krank und ſprach zum König: ſie könne nicht eher geneſen, bis ſie nicht auf Brettern ruhe, die aus den beiden Tannen— bäumchen gemacht worden. So leid es dem König um die Bäumchen that, ſo ließ er es doch geſchehen, daß man ſie
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fällte und daraus zwei Bretter für das königliche Ehebett machte. In der Nacht aber, als der König und die Königin zuerſt darauf ruhten, fingen beide Bretter nur einmal an zu reden. „Brüderchen,“ ſprach das eine, „wie drückt es mich jo ſchwer, auf mir liegt die böſe Stiefmutter!“ „Schweſterchen,“ ſagte das andere, „wie iſt mir ſo leicht, auf mir liegt der gute Vater!“ Der König ſchlief feſt und hörte nichts; die Königin jedoch hatte Alles wohl vernommen und war voller Unruhe die ganze Nacht. Als es Tag wurde und der König erwachte, ſprach ſie: „ach lieber Mann, die Bretter taugen gar nichts, mein Uebel iſt nur ärger geworden, laſſ' uns ſie ver— brennen!“ Der König widerredete nicht, denn er wünſchte ja, ſein Weib ſolle geſund werden. Alsbald wurde der Ofen ge— heizt und als die Glut groß genug war, ließ die Königin die zwei Bretter hineinwerfen und ſie ſah zu, wie ſie verbrannten. Zwei kleine Funken aber waren herausgeſprungen und in die Gerſte gefallen, das hatte die Königin nicht bemerkt. Bald darauf trug die Magd die Gerſte den Schafen und ein Mutter— ſchaf aß die beiden Funken mit und nach einiger Zeit brachte es zwei Lämmlein mit goldner Wolle zur Welt. Der König hatte große Freude darüber, aber die Königin ſtach der erſte Anblick derſelben ſo ins Herz, daß ſie gleich krank wurde. Man verordnete ihr allerlei, allein ſie konnte nicht geſund werden; da ſagte ſie endlich, wenn ſie die Herzen der beiden Lämmlein äße, müßte ihr das wohl helfen. Was ſollte der König thun; er mußte zulaſſen, daß ſie geſchlachtet wurden. Die Herzen briet man und brachte ſie der Königin; die Ge— därme aber wurden in den Fluß geworfen; zwei Stücke nun wurden weithin vom Waſſer fortgeführt und endlich ans Ufer ausgeworfen. Hier wurden daraus wieder die zwei Kinder mit den goldnen Haaren und waren gleich ſo groß, als wären 1 *
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fle ſeit ihrer Geburt i immer gewächſen; nur blieben ſie nackt, denn noch keine Mutter hätte ihnen ja ein Hemdchen angeleht. Sie waren aber ſo lieblich und ſchön, daß die Sonne auf ihrem Tagesgange ftehen blieb, ſich nicht ſatt ſehen konne und fieben Tage lang nicht unterging. Da es nun fo länge nicht Nacht werden wollte, fo wunderte ſich des unſer Herrgoft und dachte: „das haſt du doch nicht alſo geordnet!“ Er kam daher zur Sonne und fragte ſie, warum ſie ſo lange am Him— mel verweile und nicht untergehe? Da zeigte fie ihm unten auf der Erde die beiden ſchönen Kinder, wie ſie an dem Fluße ſpielten. Unſer Herrgott war entzückt und gerührt bei dem Anblick der Kleinen, welche jo mutterfeelenallein und nackt waren und ſprach: „ich will mich ihrer annehmen.“ Da ſtieg er auf die Erde als ein alter guter Mann und die Kinder liefen, ſobald ſie ihn ſahen, gleich zu ihm und waren froh. Da gab er je— dem ein Hemdchen und ein goldnes Hämmerchen und ſprach: „gehet nur immer auf der Straße fort, da werdet ihr in die große Stadt kommen; klopfet an die Thüren an, und wo man euch aufmacht, da tretet ein. Wenn nun ein freundlicher Mann euch fragt, wer ihr ſeid, ſo erzählt ihm dieſes Märchen.“ Nun erzählte ihnen unſer Herrgott ihre ganze Lebensgeſchichte, ent— fernte ſich dann und ſtieg wieder in ſeinen Himmel hinauf. Die Kleinen aber wandelten fort und kamen endlich in die große Stadt; ſie klopften an viele Thüren, aber keine wurde ihnen aufgethan; zuletzt kamen ſie auch an den Pallaſt des Königs. So wie ſie hier anklopften, öffneten ſich gleich von ſelbſt die großen Flügelthüren. Sie traten ein und es ſaß der König gerade in tiefem Nachdenken und härmte ſich, daß er keine Kinder hatte; indem fiel ſein Blick auf die kleinen himmliſchſchönen Kinder mit den goldnen Haaren. „Kommt her,“ rief er, „was für ein Engel hat euch zu mir geſendet?
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sraählet mirs!“ Pie Kleinen gingen hin, ſetzten fih ihm vertraulich auf die beiden Kniee und liebkos'ten ihn; der Knabe fing darauf an zu erzählen, wie ihn unſer Herrgott ge⸗ {ehrt hatte und wenn er etwas auglich oder nicht gut erzählte, Verbeſſerte ihn ſein Schweſterchen. Sie erzählten aber alſo: „Es war einmal ein junger König, der ritt eines Tages über ein Exntefeld; dg ip er zwei Mägde arbeiten, die eine im Hauf, die andere im Korn und die Mägde hatten den König auch geſehen, hielten ein mit ihrer Arbeit, ſtanden und ſtaunten. Und als der König vorbeiritt, ſprach die eine: „wenn der König mich zum Weibe nähme, würde ich ihn und ſeinen ganzen Hof mit meinem Hanf kleiden!“ Die andere ſagte „und ich würde, wenn er mich zu feiner Köchin machte, ihn und ſein ganzes Haus mit meinem Korn ernähren.“ Dem Kenig gefielen die Reden wohl und am andern Tag ſchickte er nach den beiden Mägden und wählte die Jüngere, die ihn hatte kleiden wollen, zum Weibe und machte die Aeltere, die ihn hatte ernähren wollen, zur Oberköchin. Aber nach einiger Zeit erwachte der gelbe Neid in der Aeltern und ſie wollte gerne ſelbſt Königin ſein und ſie dachte darauf, wie ſie ihre Freundin verderben könne. Sie ſtellte ſich ſehr unterthänig treu gegen die Königin und war immer um ſie und als die Zeit kam, daß ſie gebären ſollte, wußte ſie alle Hofleute aus ihrer Nähe zu entfernen. Die Königin gebar zwei wunderſchöne Kinder mit goldnen Haaren, einen Knaben und ein Mädchen. Da nahm die Köchin, ohne daß es die kranke Königin merkte, die beiden Kinder ı und vergrub fie ſchnell in den Miſt und an die Stelle derſelben legte ſie ein Hündchen und ein Kätzchen und verbreitete nun ſelbſt das Gerücht, die Königin habe einen Hund und eine Katze zur Welt gebracht. Der König wurde erzürnt, ließ Hund und Katze erſäufen und feine gute Gattin
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lebendig begraben und nahm bald darauf die böje Köchin zum Weibe!“ N 8 . „Gott, o Gott!“ ſeufzte der König und in dem Augen- blicke trat auch die Königin ein. Als ſie die Kinder erblickte, erfaßte fie ein graufiges Entſetzen; fie kehrte um, ſchlug die Thüre hinter ſich zu und lief wie wahnſinnig fort. Die Kin- der aber ſaßen dem König auf dem Schooße ruhig und voller Unſchuld und wußten nicht, warum er ſo ſchwer geſeufzt und die Frau ſo entſetzlich ſie angeſehen hatte. Der Koͤnig faßte ſich und ſprach zum Knaben: „erzähle bis zu Ende das Märchen, das dich der alte Mann gelehrt hat.“ Der Knabe fuhr fort: „Aus dem Miſte, wo die Kinder begraben waren, wuchſen zwei goldne Tannenbäumchen, an denen alle Hofleute, der König aber beſonders große Freude hatten. Nur die Königin konnte ſie nicht ſehen, ſie ſtellte ſich krank und ſagte: „wenn ſie nicht auf Brettern von den Tannenbäumchen ruhen könnte, müßte ſie ſterben!“ Dem König that es leid um die Bäum— chen, allein er ließ es doch geſchehen, daß man ſie fällte und daraus zwei Bretter für das königliche Ehebett machte. In der erſten Nacht aber, als der König und die Königin darauf ruhten, ſprachen die Bretter unter einander: „Brüderchen wie drückt es mich ſo ſchwer, auf mir liegt die böſe Stiefmutter!“ ſagte das eine; „Schweſterchen wie iſt mir ſo leicht, auf mir liegt der gute Vater!“ ſprach das andre. Der König aber ſchlief und hörte nichts; die Königin nur hatte Alles wohl vernommen und war unruhig und am Morgen, als ihr Ehe— gemahl erwachte, ſagte ſie, „die Bretter taugen nichts“ und der König ließ es zu, daß ſie im Backofen verbrannt wurden. Da jprangen zwei Funken aus dem Feuer; die fielen in die Gerſte; die Gerſte mit den Funken gab man bald einem Mutterſchaf zum Futter hin und nach einiger Zeit brachte
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dieſes zwei Lämmlein mit goldner Wolle zur Welt; an dieſen hatte der König wieder ſeine Freude; aber die Königin konnte ſie nicht ſehen; ſie ſtellte ſich krank und ſagte, ſie könne nicht anders geſund werden, als wenn ſie die Herzen von den beiden Lämmlein gegeſſen habe. Der König ließ es geſchehen, ſo wehe es ihm auch that, daß ſie geſchlachtet wurden. Die Herzen gab man der Königin, die Gedärme aber wurden in den Fluß geworfen, zwei Stücke davon floſſen weit hin und wurden ans Ufer geſpült; da wurden daraus wieder die zwei Kinder, die am Ufer im Sande herum liefen. Eine liebe Frau aber ſah freundlich vom Himmel herab auf die Kinder und konnte ſich nicht ſatt ſehen. Da kam auch ein alter guter Mann zu ihnen und gab jedem ein Hemdchen und ein goldnes Hämmerchen und ſprach: „gehet nur immer auf der Straße fort, bis ihr in die große Stadt kommt; klopfet an die Thüren und wo ſie euch aufgethan werden, gehet hinein und wenn ein freundlicher Mann euch fragt, wer ihr ſeid; ſo erzählet ihm dieſes Märchen.“
Kaum war der Knabe fertig, ſo rief der König: „o ihr meine lieben Kinder, das iſt kein Märchen, das euch der alte Mann erzählt hat; ſondern euere und meine wahrhaftige Ge— ſchichte. Der alte gute Mann aber iſt der liebe Gott, der Alles ſo wunderbarlich geleitet und endlich offenbart hat. „Wehe, wehe der boͤſen Königin!“ Damit ging er hinaus und gab Befehl, daß man ſein Weib ſogleich lebendig begraben ſolle. Aber man konnte ſie lange nicht finden; endlich traf man ſie am Ufer, wie ſie ſich die Haare zerraufte. Sie hatte ſich erhängen wollen, allein der Strick war zerriſſen, drauf hatte ſie ſich ins Waſſer geſtürzt; allein der Fluß hatte ſie wieder herausgeworfen; nun wurde ſie ergriffen und lebendig verſcharrt; die Erde behielt fie und bedeckte ihre große Sünde mit
Der König aber ſchickte nun fogleich in das Land der Reben Zwerge um Waſſer des Lebens, ließ feine rechte Ge⸗ mahlin ausgraben und machte ſie lebendig. Beide lebten nun froh und vergnügt und hatten große Freude an ihren Kindern. Der Knabe wurde ein ſtattlicher Jüngling und Nachfolger im Reiche feines Vaters, das Mädchen eine wunderſchöne Prinzeſſin. Ach die war ſo ſchön, jo ſchön, daß es nicht zu beſchreiben ift; ich will nur Dieſes ſagen: wenn ſie ausging, neigten ſich alle Blumen vor ihr demüthig und alle jungen Kaiſer und Könige warben um ihre Hand. Da fie aber gelobt hatte, nur den zu heirathen, der das beſte Herz habe; ſo nahm ſie zuletzt einen armen Kohlenbrenner, denn damals hatte der das beſte Herz in der Chriſtenheit.
Auch du hätteſt ſie wahrlich gerne bekommen; Allein dich hatte fie nicht genommen!
2. Die drei Rothbärte.
Ein armer Mann rief eines Tages ſeine drei Söhne vor ſich und ſprach: „ihr ſeht, das ich nicht mehr im Stande bin, euch zu erhalten; zieht in die Fremde und ſucht euch das täg- liche Brot zu verdienen!“ „Ja, lieber Vater, ſagten ſie, wir wollen euch nicht länger zur Laſt fallen; wir wollen dienen gehen, und fo auch für euch ſorgen!“ Damit nahmen fie ihre Sachen zuſammen und machten ſich des andern Tages auf den Weg. Da traf es ſich, daß ſie durch einen Wald gingen und es begegnete ihnen ein alter Mann in einem grauen Mantel, der fragte ſie freundlich: „wohin zieht ihr meine Kinder?“ „Wir wollen dienen gehen, guter Mann, denn unſer Vater iſt nicht mehr im Stande uns zu ernähren, und ſo können wir auch
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für ihn ſorgen!“ „Das iſt ja recht ſchön; hütet euch nur vor den Rothbärtigen; denn mit denen iſt es nicht ganz richtig!“ „Wir wollen's behalten!“ ſprachen ſie und gingen weiter. Es währte nicht lange, ſo begegneten ihnen nur einmal drei Rothbärte und dieſe fragten die drei Burſchen, wohin fie es denn geſtellt hätten? „Wir ſuchen einen Dienſt!“ ſagten die Brüder, „und wir brauchen gerade Diener!“ erwiderten die Rothbärte, „wollt ihr bei uns eintreten?“ „Wir möchten ja gerne,“ ſprachen ſie, „allein ein alter Mann ſagte uns, mit Rothbärten ſollten wir uns nicht einlaſſen, denn mit denen ſei es nicht ganz richtig!“ „Ha, ha!“ lachten dieſe, „und auf den alten Mann wollt ihr hören? ihr Narren! Wir geben euch auf ein Jahr einen ſo hohen Lohn, wie ihr ſonſt in zehn Jahren nicht verdienen könntet!“ Die Brüder dachten nur an ihren armen Vater, wie gut es für den ſein würde, wenn ſie bald mit reichem Lohn heimkehrten und verdingten ſich. Einer wie der andere ſollte nach einem Jahre einen Beutel voll Du- katen bekommen und dafür die ganze Zeit nichts anders thun, als immer um einen Thurm gehen und einen Spruch herſagen, den man ihm aufgeben würde. Jeder von den Rothbärten nahm nun einen mit. Der Aelteſte ſollte beim Herumgehen um den Thurm immer ſprechen: „wir drei Brüder,“ der Mitt— lere: „um einen Käs,“ der Dritte: „das iſt recht!“ und ſo geſchah es auch. Nach einem Jahr bekam ein Jeder den be— dungenen Lohn. Als ſie nun mit einander heimkehrten, konnten ſie nichts anders ſprechen, als was ſie das Jahr hindurch immer und allein geſprochen hatten; ſonſt hatten ſie Alles vergeſſen. Da begegnete ihnen ein Mann, der grüßte und fragte ſie, „wohin?“ Der Aelteſte antwortete: „wir drei Brüder!“ Aber wohin? frage ich. „Um einen Käs!“ ſagte der zweite. „Hol euch der Henker!“ „Das iſt recht!“ fiel der dritte ein. Der
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Mann glaubte nun, er habe es mit Narren zu thun, fragte nicht mehr und ging ſeiner Wege. Als ſie weiter wanderten, ſahen ſie nur einmal, wie ein Reiſender von einem Räuber überfallen und blutig geſchlagen wurde. Sie liefen ſchnell hinzu um dem Armen zu helfen; allein es war zu ſpät; der Räuber entwiſchte ihnen und der Geſchlagene ſtarb bald unter ihren Händen. Da trafen die Gerichtsdiener zu ihnen, wie ſie gerade mit dem Sterbenden beſchäftigt waren; die hielten fie für die Räuber und Mörder, ergriffen und banden fie und. führten ſie ohne Weiters vor Gericht. Als ſie vorgeſtellt und gefragt wurden, wer den Fremden todtgeſchlagen, ſprach der Aelteſte: „wir drei Brüder!“ „Warum?“ fragte der Richter weiter. „Um einen Käs!“ ſagte der Zweite. „Man wird euch jetzt hängen!“ ſprach der Richter. „Das iſt recht!“ ſagte der Dritte. „Was brauchen wir mehr?“ ſprach der Richter; „ihre Schuld haben ſie ſelbſt eingeſtanden und erkennen die Strafe für gerecht: wohlan ſo hänge man ſie!“ Da wurden ſie zum Galgen geführt und ſchon hatten ſie die Leiter erſtiegen und die drei Rothbärte ſtanden nahe und paßten; ſiehe da kam der alte Mann im grauen Mantel herzu und ſprach, aber ſo daß Niemand ihn ſah und hörte, als die drei Brüder: „ihr hättet es zwar verdient, daß ich euch zappeln ließe, weil ihr nicht folgtet, aber da ihr ein gutes Herz habt, will ich euch retten; ſprechet!“ Da riefen die drei Brüder zugleich mit lauter Stimme: „Die drei Rothbärte greift!“ Wie die das hörten, machten ſie ſich ſogleich aus dem Staub und waren verſchwunden, noch ehe ſie Jemand gewahr wurde. Nun er— zählten die drei Brüder, wie Alles ſich zugetragen habe und das Volk erkannte daraus, daß die Rothbärte drei Teufel und der Mann im grauen Mantel unſer Herrgott geweſen. Der rechte Mörder wurde von ihnen genau bezeichnet und bald
11 ſtellte er ſich ſelbſt vor Gericht und bereute ſeine Sünde, aber um der Gerechtigkeit willen wurde er dennoch gehängt. Die drei Brüder zogen nun mit dem vielen Gelde heim
und blieben jetzt bei ihrem armen Vater und hatten weiter keine Noth ihr Leben lang.
3. Der gerechte Lohn.
Ein Vater hatte drei Söhne; von denen waren die beiden ältern faul aber dabei ſtolz und hochfahrig und böſe von Her— zen, der jüngſte aber treu und fleißig und dabei beſcheiden und die Geduld und Gottſeligkeit ſelbſt; doch weil er klein und ſchwächlich war von Körper, blieb er meiſt daheim und ſeine Brüder nannten ihn ſpottweiſe nur Aſchenputtel und auch Vater und Mutter hatten ihn leider nicht jo lieb, als die beiden an— dern. Eines Tages ſagte der älteſte Sohn: „Vater, ich will in die Fremde ziehen und mir Schätze und Ruhm erwerben!“ „Laſſe das gut ſein,“ ſprach der Alte, „du kennſt die Fremde nicht und koͤnnteſt mir leicht nur Spott und Schande machen!“ Allein der Sohn beſtand feſt darauf und gab keinen Frieden, bis ſein Vater einwilligte. Da buck ihm ſeine Mutter einen Kuchen aus Semmelmehl und am andern Morgen zog er fort. Als nach einiger Zeit der Hunger ſich bei ihm einſtellte, ſetzte er ſich auf einen Berg; nieder, holte aus ſeinem Reiſeſack den Kuchen hervor und aß. Da kam ein armer alter Bettler hinzu und ſprach: „Gott geſegn' es!“ und bat um einen Biſſen. „Gehſt du mir gleich aus den Augen du alter Lump!“ tobte der Junge und nahm ſeinen Stock und drohte. Der Bettler ſchleppte ſich mühſam fort und rief: „wehe dir, das wird dir vergolten werden!“ Nun flogen kleine Vöglein herbei und
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wollten die Broſamen, die zur Erde gefallen waren, aufleſen. Der Junge aber ſchlug wit dem Stock und warf mit Steinen nach ihnen; die Vöglein flogen fort und riefen: „der liebe Gott wird dies vergelten!“ Endlich brach er wieder auf und wie er ſchon weit, weit gegangen war, begegnete ihm ein alter Mann, der fragte ihn, wohin er es geſtellt habe? „Ich will dienen gehen und mir Schätze und Ruhm erwerben!“ „Das kannſt du bei mir heides gewinnen, wenn du mir dienen willſt. Du ſollſt nur meine Schafe weiden und beſorgen und wenn du dies treu und unverdroſſen thuſt; ſo wirſt du nach einem Jahre einen Sack voll Geld dafür haben.“ Das gefiel dem Jungen und er ſchlug ein. Nun zog er mit den Schafen in eine Berggegend, die ihm der Alte zeigte, wo gute Weide war, aber er war faul und ſchlecht; er ſchlief faſt den ganzen Tag, führte die Schafe nicht zur gehörigen Zeit zur Tränke und nie auf friſche Weideplätze und wenn eins von der Heerde ſich zu weit entfernte und verirrte, ging er ihm nicht nach; ſondern ließ es zu Grunde gehen. Alle wurden mager und viele ſtarben; er ſchlug and die Hunde und — was noch ſchlimmer war — er warf auch die kleinen unſchuldigen Vöglein, die aus den Dornſträuchen zu ihren Neſtern Wolle holten, mit Steinen todt. Das Jahr währte ihm zu lange und als endlich das Ende da war, ging er keck vor ſeinen Herrn und forderte den bedungenen Lohn. „Den ſollſt du haben, wie du ihn verdient haſt!“ Damit führte er ihn in eine Kammer und da ſtanden drei Säcke, einer mit Gold» der andere mit Silber- der dritte mit Kupferſtücken gefüllt: „Nimm dir einen von dieſen, aber haſt du unredlich gedient, ſo wird es dir nichts nützen!“ Der Burſche griff gleich nach dem Goldſack, nahm ihn auf ſeinen Rücken und zog fröhlich nach Haufe. Als er hier ankam, rief ex: „jetzt Vater und Mutter brauchen wir nicht mehr zu ar—
13 beiten; mit dem, was ich verdient habe, können wir immer luftig leben; ich bringe lauter Gold!“ Da ſetzte er feinen Sack nieder und band ihn ſchnell auf, um ihnen die funkelnden Goldſtücke zu zeigen; allein da war alles im Sack purer Sand. „Sagte ich's doch,“ ſprach ſein Vater, „daß du mir und dir nur Schande und Spott zuziehen würdeft!“ Der ſtolze Prahler wagte nichts zu ſprechen; denn er dachte jetzt der letzten Worte des alten Mannes, des mißhandelten Bettlers, der Vöͤglein und ſeines unredlichen Dienſtes.
Nicht lange ſo kam der zweite Sohn und ſprach: „Vater ich will jetzt auch dienen gehen und mein Glück verſuchen!“ Der Alte ſuchte ihn umſonſt abzuhalten; er blieb hartnäckig bei ſeinem Vorſatz. Da buck ihm feine Mutter einen Reife kuchen aus Brotmehl und am andern Morgen machte er ſich auf den Weg. Es ging ihm aber faſt ganz wie feinem Bru⸗ der; denn er war ja auch nicht viel anders und beſſer. Wie er auf dem Wege aß und der alte Bettler ihn um einen Biſſen anſprach, hob er den Stock; er ſchlug und warf auch nach den Vöglein und in ſeinem Dienſt war er eben ſo faul und bösartig. Kaum war das Jahr zu Ende, ſo lief er auch ſchnell zu ſeinem Herrn und verlaugte den betragenen Lohn. Der führte ihn auch in die Kammer, wo die drei Säcke mit Gold-, Silber- und Kupferſtücken ſtanden. „Nimm dir einen!“ ſprach der Alte, „warſt du aber unredlich im Dienſte; ſo wird es dir nichts nützen!“ Er war etwas beſcheidener, als ſein Bruder und nahm nur den Sack mit den Silberſtücken; denn er wußte wohl, daß er auch den nicht verdient hatte. Als er nun heimkam, rief er ſchon aus der Ferne ſeinen Eltern ent— gegen: „jetzt brauchen wir nichts mehr zu arbeiten, denn ich bringe in dieſem Sack lauter Silber!“ Wie er aber den Sack niederſetzte und öffnete; — ſiehe da war Alles purer Sand.
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„Sagte ichs doch, daß es jo kommen würde!“ ſprach ſeufzend ſein Vater. Der Sohn aber wagte, wie ſein Bruder nichts zu ſagen; denn er gedachte auch ſogleich an die letzten Worte des alten Mannes, an den Bettler, die VBöglein und an feinen unredlichen Dienſt.
Bald darauf trat der jüngſte Sohn zum Vater und ſprach: „Lieber Vater, ich will auch dienen gehen und mein Glück ver— ſuchen!“ Ihn wollte der Alte nun durchaus nicht fortlaſſen. „Wo denkſt du hin? Deine Brüder haben mir nur Spott und Schande gebracht, was würde ich von dir erſt erleben!“ Der Kleine bat aber ſo lange, bis ſein Vater ſprach: „nun ſo gehe in Gottes Namen!“ Wer konnte froher ſein, als der Aſchen— puttel! Seine Mutter buck ihm einen Reiſekuchen aus Aſche und am andern Morgen ganz früh, trat er ſeine Wanderung an. Da kam er an den nämlichen Berg, wo ſeine Brüder geſpeiſt hatten und weil ihn der Hunger quälte, ſetzte er ſich nieder und packte aus. Bald kam auch der alte Bettler und ſprach: „Gott geſegn' es!“ und bat um einen Biſſen. „Setzet euch her, armer Mann, neben mich!“ und er theilte den Aſchen— kuchen mit ihm und ſie aßen und ſahen um ſich in die ſchöne Landſchaft, die im Sonnenſchein glänzte. Da hüßpften auch die Vöglein hinzu und pickten die Broſamen auf und des freute ſich der Junge und er zerbröckelte den ganzen Reſt von ſeinem Kuchen und ſtreute ihn den hungrigen Vöglein vor. Darauf nahm er ſeinen Torniſter an die Seite um fortzugehen und ſagte zum Alten: „behüt dich Gott!“ Dieſer aber nahm ein Pfeifchen aus ſeinem Sack und ſchenkte es dem Jungen, weil er ſo freundlich geweſen und ihn geſpeiſt hätte, und die Vög— lein ſangen ihm nach: „der liebe Gott wird dir's vergelten!“
Als er jetzt ein gutes Stück weiter gegangen war, be— gegnete ihm der nämliche alte Mann, der auch ſeine Brüder
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in den Dienſt genommen hatte. „Wo gehſt du hin, lieber Junge?“ „Ich möchte gerne dienen und etwas erwerben, um meinen armen Eltern zu vergelten, was ſie an mir gethan haben.“ „Das kannſt du bei mir in einem Jahre verdienen, wenn du treu und unverdroſſen biſt.“ Der Junge verſprach dieſes und jo nahm ihn der Alte an und führte ihn zu ſeiner Heerde und ſprach: „weide meine Schafe und beſorge ſie, daß es ihnen wohlgeht und kein Schade geſchieht.“
Der Junge war, ſo wie ers verſprochen hatte, willig und unverdroſſen in ſeinem Dienſt; er trieb die Heerde immer auf die beſten Weideplätze und zur gehörigen Zeit zur Tränke und wenn ſich eines zu ſehr entfernte und verirrte; ſo ging er ihm nach und brachte es mit ſeinen Hunden wieder zur Heerde. Wenn nun alle Schafe ſatt waren und im Sonnenſchein da lagen; ſo ſetzte er ſich auch nieder und die treuen Hunde la— gerten ſich neben ihm. Da nahm er ſein Pfeifchen und ſpielte darauf ſo lieblich, daß die Vöglein, die von den Dornſträuchen Wolle zu ihren Neſtern ſammelten, ihre Arbeit ließen, eine Zeit lang horchten und zuletzt ſelbſt drein ſangen. Das gefiel dem Jungen ſo gut, daß er nun oft und oft ſpielte und auch die Schafe waren ruhig und die Hunde ſahen ihn mit ihren treuen Augen an und bellten nicht wie andere Hunde bei der Muſik thun, ſondern lagen ruhig und horchten. Wenn nun ein Weideplatz keine Nahrung mehr bot, ſo zog er weiter und durchſtreifte ſo faſt das ganze Gebirge. Eines Tages erblickte er nur einmal auf einer Anhöhe zwiſchen ſchattigem Gebüſch eine große Kirche, die hatte er noch nie geſehen. Er trat näher und ſah, daß alle Thüren offen ſtanden. Die Kirche war drinnen jo rein gekehrt und fo ſchön, daß er in Verwun⸗ derung lange vor der Thür ſtehen blieb; er ging dann lang⸗ ſam und leiſe hinein; aber in der Kirche war kein Prieſter
16 und ſonſt keine irdiſche Seele; ſtill war Alles ganz und gar. Wie er vor den Altar trat, ſah er über dem Kreuz des Er: löſers ein Vöglein ſchweben. Das flog jetzt herunter, ließ ſich auf ſeine rechte Schulter und ſang: „Gott iſt mit dir!“ Darauf flog es wieder hinauf an ſeine Stelle; der liebliche Sang aber tönte fort in ſeinem Herzen. Er kehrte darauf zur Heerde zurück und weidete die Schafe. Da kam ſein Herr zu ihm und ſprach mit freundlicher Stimme: „Das Jahr iſt um; du haſt mir treu gedient, das ſehe ich an meiner Heerde; komme nun und empfange den verdienten Lohn!“ Es war dem Jungen ſehr leid, daß er ſich von der lieben Heerde und der ſchönen Gegend trennen ſollte und es ſchien ihm faſt un⸗ möglich, daß ſchon ein Jahr vergangen. Er hätte gern ein zweites Jahr und noch länger dem guten Manne gedient; allein da dachte er an ſeine armen Eltern und ſo wünſchte er, dieſe bald zu ſehen und zu erfreuen. Sein Herr führte ihn nun auch in die Kammer, wo die Goldſäcke ſtanden und hieß ihn einen Sack fi auswählen. Das Gold und Silber blen⸗ dete den Jungen nicht; er ſagte gleich: „den Sack mit dem Kupfergeld möcht ich wohl nehmen, obgleich ich ihn auch nicht verdient habe, nur um meinen armen Eltern helfen zu können!“ „Du ſollſt ihn haben, mein lieber Junge und obendrein auch die beiden andern Säcke; kehre nun heim; ich ſchicke dir bald einen Wagen mit den Schätzen nach!“ Da nahm der Junge ſeinen Wanderſtab und zog heimwärts. Als er auf dem Berge angelangt war, wo er mit dem alten Bettler und den Vöglein ſeinen Aſchkuchen verzehrt hatte, ruhte er wieder ein wenig aus; aber jetzt hatte er keinen Hunger. Er nahm ſein Pfeifchen und ſpielte ſo lieblich, daß die Vöglein, die er früher geſpeiſt hatte, herbeiflogen, horchten und dann laut mit darein ſangen. Drauf zog er weiter und war in Kurzem zu Hauſe und er—
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zählte nun jeinen Eltern von den Wunderdingen, die er ge— ſehen und erlebt und von den Schätzen, die ihm der alte Mann bald nachſchicken werde. Seine beiden Brüder, die in der letzten Zeit ihren armen Vater durch ihre Faulheit und Bosheit in große Noth gebracht hatten, hörten das Alles mit an, fingen darauf an zu lachen und zu ſpotten: „wir haben wenigſtens jeder nur einen Sack voll Sand heimgebracht; du aber wirſt nun gewiß eine ganze Fuhre Aſche erhalten; es iſt auch ganz recht, warum wäreſt du ſonſt der Aſchenputtel!“ Er aber kehrte ſich nicht an den Spott und war in ſeinem Herzen überzeugt, daß ſein Glück wahr ſei. Nur einmal hörte man, daß ein Wagen vor dem Hauſe halte; ſie gingen gleich alle hinaus; kein Menſch war beim Wagen; an der Seite des Wagens ſtand aber mit großen Goldbuchſtaben: „Wagen und Geſpann und die drei Säcke mit dem Gold, Silber und Kup- fer ſchickt der alte Mann ſeinem treuen Hirten, der ihn zuerſt als Bettler ſo freundlich geſpeiſt, der ihm dann ſeine Schafe wohl geweidet und beſorgt und auch ſeiner lieben Vöglein ſich erbarmt hat!“ Der Junge trieb nun den Wagen in den Hof und lud die Säcke ab; da war die Freude des Aſchenputtels und ſeines Vaters und ſeiner Mutter unermeßlich. Dieſe be— reuten es nun und ſchämten ſich, daß ſie ihren Jüngſten nicht fo wie die ältern Söhne geliebt hatten und baten ihn um Ver— zeihung. Er aber ſprach: „höret auf; ich habe ja doch Alles euch zu verdanken!“ Aber die beiden ältern Brüder konnten das große Glück ihres jüngern Bruders nicht ertragen, ſie liefen fort wie wahnſinnig und kein Menſch hat fie weiter ge— ſehen noch gehört, was aus ihnen geworden.
Der Aſchenputtel aber war nun ein reicher Mann und lebte noch viele Jahre mit ſeinen Eltern glücklich und zufrieden
und ſtiftete mit ſeinem Reichthum viel Gutes. An ſchönen Deutſche Volksmärchen aus Siebenbürgen. 2
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Tagen nahm er oft ſein Pfeifchen und ging auf einen Berg und ſpielte und horchte auf den Geſang der Vögel. Da zogen die alten Erinnerungen aus ſeinem Hirtenjahre vor ſeiner Seele vorüber und wenn er am ſeligſten war; ſo ſchien es ihm, als wäre er in jener großen Kirche und ſehe die ſtille Pracht um ſich und das Goldvöglein flöge hernieder auf ſeine Schulter und ſinge den wunderlieblichen Geſang: „mit dir iſt Gott!“
4. Das wohlfeile Holz.
Es war einmal ein armer Bauer, der führte immer Holz zum Verkaufe in die Stadt. Als er nun wieder einmal ſo durch den Wald fuhr, trat ein alter Mann mit langem Bart und grauem Mantel zu ihm und fragte: „wohin mit dem Holz?“ „In die Stadt!“ ſagte der Bauer. „Nun ſo rathe ich dir, wenn du glücklich ſein willſt, es nicht theurer, als um einen Kreuzer zu verkaufen!“ „Das will ich thun,“ ſprach der Bauer und fuhr weiter. Als er in der Stadt anlangte und die Leute zu ihm hinkamen und fragten, wie er ſein Holz verkaufen wolle, antwortete er: „um einen Kreuzer!“ Da lachten ſie und glaubten, er ſei nicht recht bei Troſte (bei Sinnen) und gingen weiter. Endlich ließ ſich ein armer Bür— ger in den Handel ein und kaufte das Holz um einen Kreuzer; er ließ es ſich gleich heimführen und ging ſelbſt voraus und erzählte ſeiner Frau von dem glücklichen Handel. Dieſe aber wollte es natürlich nicht glauben, lief bei dem Bauern hinaus und fragte ihn insgeheim um den Kaufpreis. Als der Bauer die Worte ihres Mannes beſtätigt, eilte ſie hinein und ſagte: „Mann, dem Bauern können wir zum Danke wohl auch einen
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Trunk Wein geben!“ Ganz gewiß, hole gleich eine Kanne voll neben dem „Kampeſtboding“ her. Die Frau ging in den Keller und brachte; aber der Wein zeigte ſich ganz trüb. Da ſagte der Mann: „was iſt das? haſt du aus dem rechten Faß gebracht? Der Wein iſt doch nicht trüb, oder war die Kanne nicht rein? Nimm eine andere Kanne und hole nochmals!“ Die Frau ging und holte gleich wieder; da war aber der Wein blutigroth. „So weiß ich doch nicht, was das iſt; ich muß am Ende ſelbſt gehen!“ Er wuſch ſich eine Kanne und ging. Diesmal zeigte ſich der Wein goldgelb, aber er war ſo dick, daß er kaum aus dem Heber floß. Der Mann kam herauf und erzählte dem Bauern das Wunder und entſchuldigte ſich. Der Bauer ſagte: „das macht ja nichts!“ und weil er gerade für den Augenblick nicht durſtig war, bat er den Bürger, er ſolle ihm den Wein in ſeinen Torniſter gießen, bis nach Hauſe werde er ſich ſchon klopfen und dünn werden. Das that jener.
Als der Bauer durch den Wald nach Hauſe zog, trat wieder der Mann im langen Bart und in grauem Mantel zu ihm und fragte, wie es ihm ergangen. Der Bauer erzählte ihm Alles. Da ſprach der Mann: „merke dir nun, was ich dir ſage, der trübe Wein bedeutet ſieben Hungerjahre, der blutigrothe, ſieben blutige Kriegsjahre; der goldgelbe wird ſammt dem Kreuzer dein Glück begründen!“ Damit verſchwand der Alte. Als der Bauer zu Hauſe ankam und ſeine Frau hörte, daß er das Holz um einen Kreuzer verkauft habe, ſo ſchalt ſie ihn durch, daß kein ehrlicher Faden an ihm blieb und wie er ſie beſchwichtigen wollte und ihr erzählte, er habe auch Wein bekommen und habe ihn in den Torniſter gegoſſen, war ſie nun gar nicht mehr zu bändigen; ſie tobte und fluchte: „o du Dummbart, was muß ich an dir erleben! hat je ein Menſch gehört, daß man den Wein in den Torniſter gießt?“ Der
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Bauer aber wollte den Wein ausſchütten; doch ſiehe, da fielen eitel Goldſtücke und zuletzt auch der Kreuzer für das Holz ber- aus. Schnell zog das Donnerwetter vorüber und der Himmel heiterte ſich im Antlitz ſeiner Frau auf, ſo daß es eine Luſt war, es zu ſehen. „Du lieber guter Mann verzeihe; aber wie kann man ſeine Frau auch ſo grob foppen wollen!“ „Gott bewahre mich!“ ſprach der Mann, „ich ſagte die lautere Wahr— heit; allein nun ſehe ich, daß unſer Herrgott dies Wunder ge— than hat, um meinen Glauben zu belohnen!“ Da erzählte er die Geſchichte mit dem Mann im langen Bart und grauen Mantel. Die ſieben trüben Hungerjahre und die ſieben bluti— gen Kriegsjahre kamen, aber, wie hart auch der Bauer her— genommen wurde, der himmliſche Segen half ihm ſie glücklich überſtehen.
5. Die Schwanenfrau.
Eine arme Frau hatte einen Sohn, der war nun groß und ſtark und wollte in die Fremde gehen, um etwas zu ver— dienen. Er verdingte ſich bei einem Herrn auf ein Jahr und ſollte deſſen Schafe hüten. Als er einmal zur Zeit der Ernte auf dem Felde war, ſah er einen ſchönen weißen Vogel im Kornfelde; er lief hin, um ihn zu fangen; der Vogel aber er— hob ſich langſam und flog in einen Wald; der Junge lief ihm immer nach, doch es war umſonſt, er konnte ihn nicht erreichen. Er wollte umkehren; aber er wußte ſich aus dem Wald nicht mehr herauszufinden. Schon fing es an dunkel zu werden, da ſah er in der Ferne ein Licht; er ging darauf los und kam in ein Schloß; da ſaß ein alter Mann am Feuer und kochte ſich eine Suppe. Der Junge bat um Herberge und erzählte dem
21 Alten, wie er in den Wald gekommen fei. „Wenn du mir ein Jahr treu dienſt, ſo will ich dir zu dem Vogel verhelfen!“ Der Junge willigte gern ein, um den Vogel zu bekommen. Am folgenden Morgen ſprach der Alte: „jetzt gehe ich aus und kehre nur ſpät Abends heim; ſorge du hier; da haſt du alle Schlüſſel, in jedes Zimmer darfſt du gehen, nur in das letzte nicht!“ Der Junge folgte genau dem Gebot und als der alte Mann Abends heimkehrte, war er mit ihm zufrieden; ſo ge— ſchah es auch den andern und alle folgenden Tage, daß der Alte ausging und dem Jungen den nämlichen Auftrag machte. Lange Zeit dachte der Junge nicht einmal an das verbotene Zimmer; aber in der letzten Woche des Jahres kam ihn doch die Neugierde an: „du biſt ein ganzes Jahr hier geweſen und ziehſt nun bald von dannen und ſollſt nicht wiſſen, was für Schätze dort ſind!“ ſprach er bei ſich und es ließ ihm keine Ruhe. Am letzten Tage ging er bis zur Thüre und wollte, und wollte auch nicht. Endlich ſteckte er den Schlüſſel ein und öffnete. Da war ein großer Saal und in der Mitte ein blauer Teich und darüber der freie Himmel; im Teiche aber waren drei wunderſchöne Schwanenjungfrauen, die badeten. Kaum hatten ſie den Jungen erblickt, huſch flogen ſie alle drei als weiße Schwäne auf und fort. Voll Angſt kehrte der Junge zurück und hatte keine Ruhe. Als der alte Mann heimkam, fiel er gleich vor ihm nieder und ſprach: „Herr ſtrafe mich, ich habe dein Gebot übertreten!“ Der Alte ſagte freundlich: „weil du deinen Fehler geſtanden haſt und bereueſt, will ich dir verzeihen; aber du mußt jetzt noch ein Jahr treu dienen, willſt du den Vogel haben.“ Da fiel es dem Jungen wie ein Stein vom Herzen; gern willigte er ein und von nun an hatte die Neugierde keine Gewalt mehr über ihn. Als das Jahr vergangen war, trat der Alte zu ihm und ſprach: „jetzt folge
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mir!“ Er führte ihn in das verbotene Zimmer, da waren die drei wunderſchönen Jungfrauen und badeten. Alsbald aber verwandelten ſie ſich in weiße Schwäne, hoben ſich aufwärts und flogen fort. Der alte Mann fragte den Jungen welche ihm am beſten gefallen habe. „Die Jüngſte!“ ſprach er. „Wohlan ſo gehe heute Abends in jenes Zimmer; da findeſt du unter dem Bett drei Schachteln, bringe die, welche in der Ecke liegt dann zu mir.“ Der Junge konnte den Abend kaum erwarten, eilte dann hin und brachte ſie. „So nimm jetzt dieſe Schachtel und gehe damit nach Haufe, die auserwählte Jung⸗ frau wird dir auf dem Fuße folgen; aber ſiehe ja nicht hinter dich, bis du zu Hauſe angelangt biſt; dann magſt du mit der Jungfrau bei deiner Mutter Hochzeit halten; aber beſorge die Schachtel wie deinen Augapfel und nicht unterſtehe dich und gib ſie deiner Braut in die Hand, wie ſehr ſie dich auch bit— tet; ſonſt verlierſt du ſie auf immer!“ Der Junge verſprach Alles ſo zu machen. Das erſte wurde ihm leicht; er ſah nicht zurück, obgleich er gern gewollt hätte; denn er hatte ja für die Neugierde hart gebüßt und daran dachte er jetzt. Als er endlich daheim war bei ſeiner Mutter, wandte er ſich nun raſch um und ſah die Jungfrau, fiel ihr um den Hals und küßte fie. Sie aber hatte ein ſchneeweißes Kleid an und war jhön wie der heitre Tag und der Junge konnte ſich nicht ſatt ſehen an ihr. Da wurde die Verlobung gehalten und der Junge war ganz ſelig; aber die Jungfrau war traurig und nieder⸗ geſchlagen. Der Junge gab ſich alle erdenkliche Mühe ſie zu erheitern, doch umſonſt. „O was gäbe ich nicht dafür, wenn ich dich jetzt fröhlich ſähe!“ ſprach er zuletzt. „So gib mir meine ſchönen Kleider, die in der Schachtel ſind!“ Da wurde der Junge bleich vor Schrecken; wie hatte er ſo unbeſonnen und thöricht verſprochen, was zu ſeinem Unglück führen ſollte.
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Er zögerte lange, lange; endlich fiegte die Treue und übergroße Liebe zu ſeiner Braut. Er überredete und tröſtete ſich auch: „das wird doch nicht gleich ihr Tod ſein!“ ſprach er bei ſich, „und fort ſoll ſie mir auch nicht können,“ denn er verſchloß vor— ſichtig alle Thüren und Fenſter. Kaum hatte er die Schachtel geöffnet und ſie das Kleid haſtig ergriffen und umgeworfen, ſo war ſie ſogleich ein Schwan und flog durch den Ofen zum Schornſtein hinaus. Da ergriff den Jungen ein unendlicher Schmerz; er lief hinaus, ſah dem Vogel nach und eilte in einem fort bis in den Wald zu dem alten Manne und klagte ihm ſeinen Jammer. „Iſt ſie nicht hier,“ ſprach er zuletzt, „Jo ſage mir, wo ich fie finden kann; ich will fie ſuchen bis ans Weltende, denn ich habe ſie gar zu lieb!“ Da ſagte der Alte: „ſie iſt weit weg auf einer Inſel über dem Meer und wird von einem fiebenhäuptigen Drachen bewacht und dahin iſt ſchwer hinzukommen, wenn du aber auch hingelangen ſollteſt, wird dich der Drache umbringen!“ Aber der Junge ließ ſich nicht abſchrecken; er nahm alle ſeine Kleider und Schuhe mit und wanderte ſieben Jahre lang in einem fort und hatte ſchon alle Kleider und Schuhe zerriſſen und konnte vor Müdigkeit nicht weiter; aber noch war weit und breit kein Meer zu ſehen. Er fiel an einem Hügel nieder und gedachte ſchon da zu ſter— ben. Da hörte er nur einmal in der Ferne einen Lärm, der kam immer näher und näher; endlich ſah er drei mächtige Hü— nen, welche einander hin- und herzerrten. Er fragte ſie als— bald, was Urſache ihr Streit hätte? „O,“ ſagten ſie, „es handelt ſich um das Koſtbarſte in der Welt, um einen Mantel, der unſichtbar macht den, der ihn trägt, um einen Hut, der überall hinführt den, der ihn aufſetzt und um ein Schwert, womit der Alles beſiegen kann, der es ſchwingt. Wer dieſe drei Stücke beſitzt, kann die ſchönſte Jungfrau, die auf der
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Inſel über dem Meere gefangen liegt, erretten und mit ihr das größte Königreich erwerben.“ Der Junge freute ſich auf dieſe Nachricht wieder in ſeinem Herzen und hegte Hoffnung. „Wenn es euch recht iſt, ſo will ich den Streit entſcheiden; bringt her jene Stücke und kämpfet ihr dann mit einander.“ Die einfältigen Hünen brachten ſogleich Mantel, Hut und Schwert zu ihm hin und fielen nun einander in die Haare. Der Junge ergriff ſchnell das Schwert, warf den Mantel um und ſetzte den Hut auf und ſprach: „wäre ich doch nur gleich auf der Inſel!“ Huſch! war er fort und die dummen Hünen hatten das Nachſehen. Als der Junge auf der Inſel ankam, legte er Hut und Mantel ab, nahm nur das Schwert und ging auf die Burg los. Der Drache ſonnte ſich eben vor der⸗ ſelben und die ſchöne Jungfrau mußte ihm lauſen. Nur ein⸗ mal roch der Drache Menſchenfleiſch, da brauſte er auf und ringelte ſich vor Wuth. Aber der Junge kam unerſchrocken heran und hieb ihm auf einmal alle Häupter ab. Er hüllte ſich darauf ſchnell wieder in ſeinen Mantel, eilte ins Schloß, nahm die Schachtel mit den Kleidern und warf ſie ins Meer, dann legte er den Mantel ab und zeigte ſich der Jungfrau ſeiner Braut und die erkannte ihn auch gleich und war nun über die Maßen froh. Der Junge zog mittelſt des Wunſch⸗ hutes ſchnell nach ſeiner Mutter und brachte ſie auch nach der fernen Inſel in die Drachenburg; dann feierte er mit ſeiner Braut in Luſt die Hochzeit und war König und Herr über alles Land und alle Schätze, welche der Drache beſeſſen hatte.
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6. Der ſeltſame Vogel.
Ein Mann und eine Frau hatten zwei Kinder und nichts zu eſſen; da ſprach die Frau zu ihrem Manne: „gehe zu einem Zigeuner und laffe eine Axt machen und gehe damit in den Wald und haue Staarnefter aus!“ Das that der Mann und wie er in den Wald kam, ſah er einen wunderſchönen Vogel; er nahm ſeine Axt und warf nach ihm, traf aber nicht und der Vogel flog weiter; er verfolgte ihn nun in einem fort den ganzen Tag; der Vogel ward endlich ſo müde, daß er die Flügel ſenkte und zur Erde fiel. Der Mann fing ihn jetzt und trug ihn nach Hauſe und legte ihn in einen Korb. Da ſang er ſo wunderſchön, daß alle Leute aus der Nachbarſchaft und die vorübergingen, hinkamen, ſtanden und zuhörten. Der Mann aber und ſeine Frau und ſeine Kinder waren hungrig und er wollte ihn tödten. Da ſprachen die Leute, das wäre doch jammerſchade, er ſollte es nicht thun. Die Armen ver- ſchmerzten noch eine Zeit lang den Hunger und ließen ihn leben. In der Nacht aber hatte der Vogel ein Ei gelegt, das war ein Karfunkelſtein und alles wurde licht und hell im Zim— mer, als ſchien die Sonne. Da wunderten ſich die Leute im Dorf noch mehr und kamen in das Haus und ſahen den glänzenden Stein und den ſchönen Vogel. Nun kam auch ein Jude des Weges und als er hörte, was es gebe, ging er neugierig hinein und bekam gleich Luft nach dem ſchönen Stein. Der Mann aber wollte ihn nicht verkaufen; weil ihm aber der Jude zuletzt eine ſehr große Summe anbot und er ſo dürftig war und nicht wußte, wie er ſonſt ſeine Noth ſtillen ſollte; ſo gab er ihn hin. „Vielleicht“ dachte er „wird der Vogel wieder einen legen.“ Und er täuſchte ſich nicht; am folgenden Morgen lag auf der nämlichen Stelle wieder ein Karfunkelſtein. „Weh
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dir!“ Sprach der Jude bei fih, „du biſt ein armer ruinirter Menſch, wenn du den Vogel nicht bekommſt“ und lief gleich zu dem Manne und ſprach: „was ſoll ich dir geben für den Vogel? verlange!“ Der Mann aber ſagte, der Vogel wäre ihm um keinen Preis feil. Da bot ihm der Jude eine unendlich große Summe; doch war der Mann jetzt nicht zu erweichen. „Laſſe mich ihn doch wenigſtens einmal näher betrachten,“ ſprach der Jude. Der Mann reichte den Korb dar und der Jude erfaßte vom Vogel den linken Flügel und hob ihn auf und las für ſich mit Erſtaunen, was darunter geſchrieben ſtand: „wer das Herz ißt, wird jeden Morgen drei Goldſtücke unterm Polſter finden!“ Er hob den rechten Flügel und darunter ſtand ge— ſchrieben: „wer die Leber ißt, wird König in Rom!“ Da fragte ihn der Mann, der nicht leſen konnte: „was ſteht denn da geſchrieben?“ „Sehr Schlechtes!“ antwortete der Jude; „in zwei Tagen wird der Vogel ſterben; wenn ihr ihn aber jetzt ſchlachtet und mir ganz zurichtet ſo will ich noch den Preis dafür geben, den ich euch zuletzt geboten.“ Der Mann dachte: „beſſer ein kleiner Gewinn, als ein großer Verluſt!“ tödtete den Vogel und ließ ihn für den Juden zurichten. Wie man ihn nun am Spieße briet, fielen Herz und Leberchen in die Bratpfanne und die beiden Knaben des Mannes, die am Heerde zuſahen, aßen dieſelben gleich, der ältere Knabe das Herz und der jüngere die Leber. Als der Vogel dem Juden vorgeſetzt wurde und er ſah, daß Herz und Leber fehlten, rief er: „ſo haben wir nicht gehandelt; ich ſollte den ganzen Vogel haben und nun fehlt Herz und Leber, das beſte.“ Da nahm er ſein Geld ſchnell wieder zurück und zog mit feinem Kar- funkelſtein in die Welt. Der Mann aber war ſehr zornig, daß er um den Vogel und den ſchönen Gewinn gekommen und als er erfuhr, daß ſeine Knaben Herz und Leber gegeſſen
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hatten; jo ſchlug er fie unbarmherzig und jagte fie fort. Da kam ein alter Soldat des Weges, der erbarmte ſich der Kinder und der Mann ſprach: „wenn du dich ihrer ſo annimmſt, ſo führe ſie mit dir fort aus meinen Augen; doch warte, ich will ſie zuvor noch zeichnen.“ Er ſchnitt jedem den kleinen Finger der linken Hand ab. Der Soldat nahm die Kinder mit, machte eine Salbe und heilte ihnen die Finger an. Sie ſchliefen über Nacht in einem Wald und als ſie Morgens er— wachten, lagen unter dem Haupte des Knaben, der das Herz gegeſſen hatte, drei Goldſtücke. Der Soldat nähte ſie dem Jungen in einen Rockzipfel und führte ſie dann in die Stadt, wo der König wohnte und ſetzte ſie auf einen Stein und ging ſeiner Wege. Der König lag gerade im Fenſter, erblickte die Knaben, ließ fie jedoch ſitzen. Die Königstochter kam aber auch bald in das Fenſter und als ſie die armen Knaben auf dem Steine ſah, ſchickte ſie eine Magd hin und ließ ſie ins Schloß bringen. Sie wurden mit an den Tiſch geſetzt und während des Eſſens erzählten ſie, wie ihr Vater ſie ſo ſehr geſchlagen und ihnen den Finger abgehauen habe, weil ſie das Herzchen und Leberchen vom Vogel gegeſſen hätten, wie aber ein guter Soldat ſich ihrer erbarmt, ſie geheilt und in die große Stadt gebracht hätte. Der König und die Königstochter fühlten Mitleid mit den Armen und behielten ſie bei ſich. Jeder be— kam eine Büchſe und damit gingen ſie täglich auf die Jagd. Der König hatte eine treue Dienſtmagd. Als dieſe nach einiger Zeit aus dem Dienſt gehen ſollte, kam ſie vor ihren Herrn und ſprach: „an jedem Morgen, ſeit die beiden Knaben im Hauſe ſind, fand ich unter dem Polſter des ältern drei Goldſtücke; hier ſind alle und es fehlt auch nicht ein einziges!“ Da kam es dem König etwas unheimlich vor; er ſprach zu ſeiner Tochter: „es iſt mit den Jungen nicht ganz richtig,
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ſchicken wir fie fort!“ Man nahm alle Goldſtücke und nähte ſie dem ältern Knaben in einen Kleidzipfel ein, dann führte man beide in einen Wald und ließ ſie da allein; ſie aber gingen mit einander weiter. Da kamen ſie auf einen Kreuz— weg; hier warfen ſie das Loos, welchen Weg jeder gehen ſollte. Da traf es ſich, daß der Aeltere nach Morgen zog, der Jüngere gegen Mittag der Stadt Rom zu. Als dieſer ſpät Abends vor der Stadt anlangte, waren die Thore verſchloſſen; er mußte nun vor dem Thore bleiben. Die Römer aber hatten in dem Jahre ſchon ſieben Könige gehabt, alle waren geſtorben und Niemand wollte jetzt König ſein; da hatte der Rath ausgemacht, früh morgens, wenn das Thor geöffnet würde, den erſten, der dadurch einziehe, zum König zu nehmen. Der erſte war aber der Junge; er wurde gleich von dem ganzen Rathe als König begrüßt und er hatte nichts dawider, ſetzte ſich die Krone auf und fing an zu regieren und große Palläſte, Schlöſſer und Thürme zu bauen.
Der ältere Bruder war auf ſeinem Wege bald in eine kleine Stadt gekommen; da blieb er und nahm ſich eine Frau und lebte einige Zeit mit ihr ganz gut; denn daß ihr Mann ſo viele Dukaten hatte, gefiel ihr und ſie wußte ſie alle hin zu bringen. Eines Tages fragte ſie ihn aber, woher er die vielen Goldſtücke bekomme? und er erzählte ihr arglos, wie ja ein Mann ſeinem Weib erzählt, wie das vom Vogelherzen, das er in ſich habe, herrühre. Die Frau lief ſogleich in die Apotheke, brachte einen Schlaftrunk und ein Brechmittel und gab ihrem Mann beides ein; da gab er das Herz von ſich; ſie verſchluckte es gleich und von da an waren unter ihrem Haupte die drei Dukaten. Jetzt jagte ſie ihren Mann aus dem Hauſe und nahm ſich einen andern. Der nun zog traurig fort ins Elend. Ein Jahr lang brachte er ſich noch gut durch;
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denn er nahm die Dukaten, die in ſeinem Kleidzipfel eingenäht waren, hervor. Als die aber aufgezehrt waren, wußte er nichts anzufangen und litt nun große Noth. Eines Tages ging er mißmuthig in den Wald. Da ſah er ein altes Weib im Koth liegen; das war aber eine Hexe. „Hilf mir,“ rief dieſe ihm zu, „ich will dir auch helfen!“ Da hob er fie aus der Koth- lacke heraus. Die Hexe gab ihm einen Zaum und ſprach: „über was du dieſen Zaum immer ſchüttelſt, es ſei Stein, Baum, Thier oder Menſch, das wird ein Pferd!“ „Das iſt was Gutes!“ dachte er bei ſich, „du willſt gleich verſuchen!“ Da ſchüttelte er ihn über einen Stein, ſogleich ſtand ein Pferd vor ihm; er ſchwang ſich auf und ritt geradeaus zu der Stadt, wo ſeine Frau wohnte. Vor dem Stadtthore nahm er den Zaum ab. Da lag ein Stein an der Stelle, wo das Pferd geſtanden. Er ging nun hinein und kam insgeheim in das Haus zu ſeiner Frau, ohne daß ſie ihn merkte; ſie ging gerade im Hof herum. Er ſchüttelte den Zaum über ihr und gleich war ſie ein Pferd. Er ſetzte ſich auf und ritt in einem fort bis in die Nähe der Stadt Rom, alſo daß ſein Pferd faſt zuſammenſank. „Warte, es iſt noch nicht genug!” ſprach er. Da ſah er viele Leute mächtige Bauſteine führen. „Das iſt eine gute Arbeit für dein Pferd!“ ſprach er und führte nun in einem fort jo viele Steine, daß dieſes immer magerer wurde, und zuletzt nur die Knochen an ſich hatte. Da klagten ihn die Leute, welche durch ihn in ihrem Erwerb verkürzt wurden, aus Neid und Bosheit vor dem höchſten Gerichte als einen Thierquäler an und er wurde zum Tode verurtheilt. Wie er— gehängt werden ſollte, war der König auch zugegen. Da er— kannte der Verurtheilte ſeinen Bruder und rief: „Bruder, finde ich denn bei dir keine Gnade!“ Der König ſah ihn lange verwundert an; endlich erkannte er ihn auch, fiel ihm,
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um den Hals und ſprach: „o Bruder, wie gerne thäte ich das, aber wohin käme es mit der Gerechtigkeit, wenn ich ſie nicht üben ſollte!“ „So übe denn nicht Gnade, ſondern Gerechtig— keit, aber höre mich erſt!“ Nun erzählte er dem König feine ganze Geſchichte ſeit ihrer Trennung. „Wohlan,“ ſprach dieſer, „zeige, daß dieſes Pferd dein Weib iſt!“ Da nahm jener den Zaum ab und alsbald ſtand da ſeine Frau. Gleich mußte ſie durch ein Brechmittel das Herz herausgeben; ihr Mann ver— ſchluckte es ſogleich und die Dukaten fanden ſich ſofort wieder unter ſeinem Haupte und er blieb nun bei ſeinem Bruder und wurde deſſen Schatzmeiſter. Der König aber ſprach: „Untreue muß mit dem Tode beſtraft werden!“ und ließ die Frau hin— richten, wie ſie es verdient hatte.
Beide Brüder lebten nun zuſammen glücklich; ſie ſuchten auch ihren alten Vater auf; der aber wollte ſie lange nicht erkennen. Da ſprachen ſie: „ihr erinnert euch doch, wie ihr uns einem alten Soldaten gabt und zuvor jedem von uns den kleinen Finger von der linken Hand abhiebet; der gute Soldat heilte uns die Finger an; aber da ſeht ihr noch die Narben!“ und damit zeigten ſie ihm die Finger. Er mußte nun freilich Alles für wahr halten und da er es ſchon lange ſchwer bereut hatte, daß er ſeine Kinder des Geldes wegen verſtoßen hatte; ſprach er: „ſtrafet mich jetzt nur gut, ich habe es verdient!“ Die Söhne aber ſagten: „laſſet das nur ſein, Vater, gerade dadurch, daß ihr uns fortjagtet, ſind wir zu Glück und Ehren gekommen!“ Der Jude aber hörte und ſah auch, daß in Erfüllung gegangen wäre, was unter den Flügeln des ſeltſamen Vogels geſtanden; er ging in ſeinem Neid und Verdruß in den Wald und erhängte ſich.
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7. Der goldne Vogel.
Es war einmal ein König, der baute eine ſo ſchöne Kirche, daß weit und breit keine ſchönere zu finden war. Da kam eines Tages ein Wandersmann aus weiter Ferne, der ſtaunte lange über die ſchöne Kirche; der König ging zu ihm und fragte, wie ſie ihm gefalle. Der Wandersmann ſprach: „es iſt die ſchönſte Kirche, die ich geſehen habe und es fehlt auch nichts darin außer eins, das iſt der goldne Vogel, dem Perlen aus dem Munde fallen, wann er ſingt!“ Da fragte der König, wo der zu finden wäre. „Das weiß ich nicht,“ ſprach der Wan— dersmann, „ich habe aber von ihm gehört!“ Der König hatte nun keine Ruhe und dachte immer nur daran, wie er den gold— nen Vogel bekommen könnte. Da kam der Aelteſte von ſeinen drei Söhnen eines Tages zu ihm und ſagte: „Vater ich will ausziehen und den goldnen Vogel ſuchen.“ Der König war froh, gab ihm das beſte Pferd und ließ ihn ziehen; er kam bald in ein Gehölz und machte ſich ein Feuer an. Da lief ein Fuchs herzu und jammerte:
„ach wie friere ich!“
„So mache dir Feuer und wärme dich!“ ſprach der Königsſohn und nahm ſein Eſſen hervor. Der Fuchs rief wieder:
Hach wie hungert mich!“
„So ſuche dir was und ſättige dich!“ ſprach der Königsſohn und der Fuchs lief fort. Der Königs— ſohn ſtand auf, ging weiter, verzehrte all ſein Reiſegut, gerieth in ſchlechte Geſellſchaft, verkaufte ſein Roß, machte Schulden und verdingte ſich als Kuecht in ein Wirthshaus.
Nach einiger Zeit machte ſich auch der zweite Königsſohn auf den Weg, den goldnen Vogel zu ſuchen. Sein Vater gab
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ihm auch ein ſtattliches Roß und ſackte ihm wohl ein; es ging
ihm aber gerade ſo, wie ſeinem ältern Bruder. Als er ſich im
Walde Feuer machte, kam der Fuchs auch und jammerte:
„ach wie friere ich; ach wie hungert mich!“
„So mache dir Feuer und wärme dich; fo ſuche dir was und fät- tige dich!“
ſagte der Königsſohn. Dann zog er weiter, gerieth in ſchlechte
Geſellſchaft, brachte ſich um ſein Geld, verkaufte ſein Roß,
machte Schulden und mußte ſich als Kellner in ein Wirths⸗
haus verdingen.
Da kam auch der Jüngſte vor den König und ſprach: „Vater ich will ausziehen und den Vogel ſuchen!“ „Wo denkſt du hin; wenn deine Brüder nichts ausgerichtet haben, wirſt du am wenigſten etwas ausrichten.“ Der Sohn ließ aber nicht nach zu bitten und ſo ließ ihn der König endlich ziehen; er gab ihm aber ein ſchlechtes Roß und nur wenig Geld, denn er dachte: „Das iſt ja doch Alles verloren!“ Der Knabe ritt fort; allein ſein Pferd ſank ſchon außerhalb der Stadt zufam- men. Er ging jetzt zu Fuß, kam in den Wald und machte ſich Feuer. Da erſchien der Fuchs und rief:
„ach wie friere ich!“ „So komm' und wärme dich!“ Als der Junge ſein Eſſen hervornahm, jammerte der Fuchs: „ach wie hungert mich!“ „So komme her und fättige dich!“ ſprach der Junge mitleidig. Der Fuchs kam zum Feuer, aß mit und ſchlief dann bis zum Morgen neben dem Jungen. Als dieſer erwachte und fortgehen wollte, ſagte der Fuchs: „deine Brüder haben ſich meiner nicht erbarmt und ſo haben ſie auch den goldnen Vogel nicht erwerben können; weil du aber gegen mich ſo mitleidig warſt, will ich dir guten Rath geben und
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beiftehen. Gehe nur fort durch dieſen Wald, der iſt noch fie- ben Tage lang, dann kommſt du auf eine große Wieſe; am Ende der Wieſe iſt ein großes Schloß, dort gehe hinein und du wirſt ſehen, was du zu thun haſt.“ Zuletzt gab er ihm noch eine ſilberne Flöte und ſprach: „wenn du in der höchſten Noth biſt und dir nicht helfen kannſt, jo blaſe darauf und ich will kommen und dir beiſtehen!“ Damit lief der Fuchs fort in den Wald; der Knabe aber ging weiter des Weges. Nach ſieben Tagen kam er auf die Wieſe und ſah das Schloß; er eilte nun dahin und ging getroſt hinein; da war eine ſchöne Jungfrau, ſie weinte, als ſie ihn ſah und ſprach: „wie kommſt du hieher, mein Herr iſt ein ſechshäuptiger Drache, er wird dich umbringen!“ „Ich fürchte mich nicht und will mit ihm kämpfen!“ Es hing aber ein großes Schwert an der Wand, das nahm er gleich und übte ſich damit. Nur einmal kam der Drache und ſchnaubte Feuer; der Junge ſchwang raſch das Schwert und hieb ihm alle ſechs Häupter auf einmal ab. Nun war die Jungfrau ſehr froh, brachte gleich zu eſſen und wünſchte, er ſolle bei ihr bleiben; er aber ſagte: „das könne nicht ge— ſchehen, er müſſe den goldnen Vogel ſuchen; ob ſie nicht Be— ſcheid wiſſe?“ „Davon weiß ich nichts,“ ſprach ſie, „gehe aber nur zu jenem Schloſſe hinüber; da wohnt meine jüngere Schweſter, vielleicht kann die etwas ſagen.“ Sie gab ihm noch einen kupfernen Apfel und ſprach: „wenn du daran drehſt, ſo fliege ich zu dir!“ Als der junge Königsſohn zum zweiten Schloſſe kam, war hier wieder eine ſchöne Jungfrau und ſie weinte, als ſie den Jungen ſah. „Wehe dir, mein Herr iſt ein neunhäuptiger Drache, wenn er heimkehrt, wird er dich um— bringen!“ „Ich fürchte mich nicht und will mit ihm kämpfen!“ Da nahm er das Schwert, das an der Wand hing, ſchwang es in der Luft und übte ſich; nur einmal kam der Drache wie Deutſche Volksmärchen aus Siebenbürgen. 3
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ein Gewitter herbeigefahren und ſchnaubte Feuer. Der Junge hob ſein Schwert und ſchlug ihm auf einmal alle neun Häup— ter ab. Die Jungfrau war ſehr froh, brachte gleich Eſſen und wünſchte, der junge Königsſohn ſolle immer bei ihr bleiben. Er aber ſprach: „das geht nicht, ich muß den goldnen Vogel ſuchen, kannſt du mir ſagen, wo er zu finden?“ „So gehe zu meiner jüngſten Schweſter, die wohnt dort in jenem Schloſſe, die wird dir dazu verhelfen!“ Sie gab ihm aber eine ſilberne Birne und ſprach: „wenn du ſie drehſt, ſo fliege ich zu dir!“ Als der Junge in das dritte Schloß kam, war da eine wunder— ſchöne Jungfrau; ſie weinte, wie ſie ihn ſah und ſprach: „wie kommſt du hieher, mein Herr iſt ein zwölfhäuptiger Drache, er wird dich umbringen, wann er heimkehrt.“ „Ich fürchte mich nicht,“ ſprach der Junge, „zwei Drachen habe ich ſchon umgebracht, mit dieſem werde ich wohl auch fertig werden.“ Er nahm das Schwert, das an der Wand hing, ſchwang es in der Luft und übte ſich; nur einmal kam der Drache wie Donner und Sturm herein gefahren. Der Junge ſchwang das Schwert und ſchlug ihm elf Häupter auf einmal ab, bis er aber das zwölfte abſchlug, waren die elf andern wieder gewach— ſen und bis er die elf zum zweitenmale abhieb, hatte der Drache das zwölfte wieder. Erſt als die Sonne unterging, gelang es ihm, die zwölf Häupter auf einmal abzuſchlagen. Nun wer ſich am meiſten freute, war die Jungfrau; ſie brachte gleich zu eſſen und wünſchte, der junge Königsſohn ſolle immer bei ihr bleiben. „Das will ich gerne thun, aber zuvor muß ich den goldnen Vogel haben und meinem Vater nach Haufe führen; weißt du, wo der zu finden iſt?“ „Das weiß ich freilich wohl, alle Jahr kommt er einmal auf dieſen Baum vor dem Fenſter und ſingt, aber nur einmal, am Neujahrsmorgen, ehe die Sonne aufgeht; ich gebe dir ihn, denn er iſt mein, warte nur bis er
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kommt.“ Das ließ ſich der Königsſohn gerne gefallen; aber die Jungfrau hatte den Knaben ſo lieb, daß ſie ihn nicht gerne von ſich laſſen wollte. Als daher der Neujahrsmorgen da war, ſtopfte ſie ihm die Ohren zu und als der goldne Vogel kam und fang, hörte er nichts; die Sonne ging auf und der Vo— gel war fort. „Wo iſt der Vogel? er kommt nicht,“ rief der Junge traurig, wie er erwachte. „Er war ſchon da und hat geſungen, ſiehe da das Wahrzeichen, die Perlen unter dem Baume; jetzt da du verſchlafen haſt, mußt du noch ein Jahr warten.“ Was ſollte er thun, er mußte bleiben, aber er war gar nicht mehr fröhlich, wie zuvor. Als nun die Jungfrau ſah, wie ſehr er ſich grämte, daß er nicht heimkehren konnte, jo wollte fie ihn nicht länger zurückhalten. Am Neujabrsmor— gen weckte ſie ſelbſt ihn auf. Der Vogel kam, ſetzte ſich auf den Baum und ſang und ringsum lag Alles voll Perlen. Dar— auf lockte ſie den Vogel auf ihre Hand, ſperrte ihn in einen goldnen Käfig und überreichte ihn dem Königsſohn. Damit er aber ſchnell nach Hauſe komme, gab ſie ihm ein Pferd, das hatte ſechs Füße und darauf ſollte Niemand reiten können, als er; zuletzt ſchenkte ſie ihm noch eine goldne Pflaume und ſprach: ‚wenn du ſie drehſt, ſo fliege ich zu dir.“
Er zog nun auf ſeinem Pferde, wie im Fluge heimwärts. Abends gelangte er zu einem Wirthshaus und da war gerade ſein älterer Bruder Kellner und ſah ſchlecht aus. Er erkannte ihn gleich und erzählte ihm, wie er den goldnen Vogel erwor— ben habe und jetzt heimführe; und er ſolle auch mit ihm nach Hauſe gehen. „Das möchte ich gern,“ ſprach ſein Bruder, „aber ich bin viel ſchuldig.“ „Ich will für dich zahlen,“ ſagte der Junge und kaufte ihm auch ein Pferd und ſie ritten nun mit einander weiter und am nächſten Abend kehrten ſie auch
in ein Wirthshaus. Hier war der Aelteſte der Brüder Stall- 3 *
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knecht und empfing gerade eine Tracht Schläge, als fie ein- zogen. Da erkannten ſie ihren Bruder und der Jüngſte ſprach: „komme mit uns nach Hauſe; ich führe den goldnen Vogel heim.“ „Das möchte ich gerne, aber mein Herr will, daß ich ihm drei Pferde, die ich ihm zu Grunde gerichtet habe, noch abdiene.“ „Laſſe das auf mich; ich will ſie bezahlen!“ ſagte der Jüngſte. Am andern Morgen bezahlte der Jüngſte den Herrn ſeines Bruders aus, kaufte ihm auch ein Pferd und jetzt ritten ſie drei zuſammen fort. Als ſie ſo ritten, ſprach der Jüngſte: „unſer Vater hat auf euch fo große Stücke ge- halten und nun wird er doch ſehen, daß ich den goldnen Vogel bringe!“ Da wurden jene zornig und beredeten ſich unter einander, ihren Bruder zu tödten. Wie er in der Nacht ſchlief, ſtachen ſie ihm die Augen aus, hieben ihm Arme und Füße ab und warfen ihn in einen tiefen Brunnen. Sie nahmen dann ſein ſchönes Roß und den Käfig mit dem goldenen Vogel, eilten zu ihrem Vater, hielten einen großen Aufzug und ſpra— chen: „ſiehe mit vieler Arbeit und Gefahr iſt es uns gelungen, ihn zu bekommen!“ Da freute ſich der Vater und ließ den Käfig gleich in die Kirche auf den Altar ſtellen. Aber der Vogel ließ die Flügel traurig hängen und ſang nicht, und das ſchöne ſechsfüßige Roß ließ Niemanden in ſeine Nähe und noch weniger auf ſeinen Rücken kommen.
Der Verſtümmelte aber lag im Brunnen und wußte ſich nicht zu helfen. Da kam ihm zufällig der kupferne Apfel, der aus ſeiner Taſche gefallen war, an den Mund und drehte ſich. Gleich flog die älteſte der geretteten Jungfrauen in einem kupfernen Mantel herbei und fragte, was er ſchaffe. „Sieh' mich an!“ ſprach er. „Morgenthau iſt gut für abgehauene Füße,“ rief ſie und flog fort, brachte davon und beſtrich ihn; gleich waren ſeine Füße friſch und geſund. Die Jungfrau war
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wieder fort. Nun trat er auf die filberne Birne, die war auch aus feiner Taſche herausgefallen und drehte ſich. Gleich flog die zweite gerettete Jungfrau in einem ſilbernen Mantel herzu und fragte, was es gebe. „Sieh' mich an!“ ſprach er. „Morgenthau iſt gut für abgehauene Arme,“ flog fort, brachte davon, beſtrich ihn und alsbald hatte er friſche und geſunde Arme und Hände. Die Jungfrau war aber ſogleich fort. Nun griff er in ſeine Taſche und nahm die goldne Pflaume hervor und drehte ſie. Sogleich flog die Jüngſte der erretteten Jung— frauen im goldnen Mantel herbei und fragte, was es gebe. „Du ſiehſt es!“ „Morgenthau iſt gut für fehlende Augen,“ ſprach ſie und flog fort, brachte davon, beſtrich die Augenhöhlen und gleich hatte er friſche und geſunde Augen und ſah die Jungfrau in ihrer vollen Schönheit vor ſich. Ehe er ſich aber bedachte, ſie zu faſſen, war ſie fort. Nun ſah er erſt, wo er war. Wie ſollte er aus dem tiefen Brunnen herauskommen? Da gewann er aus ſeiner Taſche die ſilberne Flöte, die ihm der Fuchs gegeben und blies darauf. Sogleich war der Fuchs da und fragte, was es gebe. „Du ſiehſt es,“ ſprach der Knabe; ich kann nicht hinaus!“ Da ſprang der Fuchs in den Brun⸗ nen und ſagte: „faſſe nur die Spitze von meinem Zagel!“ Wie das geſchehen war, ſprang der Fuchs hinaus, zog ihn mit und ſprach: „jetzt kannſt du dir wieder ſelbſt helfen!“ und lief fort in den Wald.
Da wanderte der Junge zu Fuße fort und gelangte am Abend nach Hauſe. Sein Vater freute ſich nicht ſehr über ſeine Ankunft, weil er nichts brachte. Er aber erzählte nun Alles, was er erlebt, wie er den goldnen Vogel und das ſechs— füßige Roß erworben, wie er ſeine Brüder ausgelöſt habe und wie fie dann fo untreu und ſündlich an ihm gehandelt hätten, wie er endlich wieder errettet worden. Der alte König aber
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wollte das nicht glauben. Da ſagte der Junge: „ich will es beweiſen. Das iſt doch gewiß der rechte Erwerber, der das ſchöne Roß beſteigen und darauf reiten kann und bei deſſen Eintritt in die Kirche der goldne Vogel die Flügel hebt und ſingt.“ „Ja, das iſt er gewiß,“ ſprach der Alte. Nun ver⸗ ſuchtens zuerſt die beiden ältern Brüder. Das Roß aber ließ ſie nicht in die Nähe kommen und der goldne Vogel hielt ſeine Flügel geſenkt und ſang nicht, wie ſie in die Kirche traten. Jetzt verſuchte auch der JFüngſte. Als das Roß ihn nur er— blickte, wieherte es laut vor Freude und ſtand wie ein Lamm, bis er aufſtieg; dann ritt er eine Zeit lang hin und her. Darauf ſtieg er ab und ging zur Kirche; kaum hatte er die Schwelle betreten; ſo hob der Vogel ſeine Flügel und ſang auf einmal jo wunderſchön, daß dem König die Augen vor Freude und Leid übergingen.
Er fiel feinem Jüngſten um den Hals, und Ka: „ver⸗ zeihe mir, daß ich dich weniger, als deine Brüder geachtet habe; da nimm ſie aber jetzt die Falſchen und Boshaften und mache mit ihnen, was du willſt.“ „So will ich mich gleich an ihnen rächen, daß ſie mirs mit Freuden gedenken ſollen!“ Er nahm den kupfernen Apfel hervor und drehte ihn; ſogleich flog die älteſte der Jungfrauen herbei und hatte einen kupfer— nen Mantel an. Sie war aber ſehr ſchön und die alte Köni— gin, die Mutter des Jungen rief: „ei du mein Sohn, weißt gut zu wählen.“ Er aber faßte ſie gleich bei der Hand, führte ſie zu ſeinem älteſten Bruder und ſprach: „das ſoll deine Frau ſein, willſt du?“ Wer konnte froher ſein, als der. Jetzt drehte er die ſilberne Birne und es kam die Jungfrau im ſilbernen Mantel herbeigepflogen und war noch ſchöner. „Nun nimm du jetzt die, denn es kann keine ſchönere geben,“ ſagte ſeine Mutter wieder. Der Junge aber nahm ſie bei der Hand,
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führte fie zu ſeinem mittlern Bruder und fragte: „willſt du fie zum Weibe?“ Ey konnte nicht Nein jagen. Nun drehte er die goldne Pflaume.“ Da kam die jüngſte Jungfrau herbei— geflogen; ſie trug einen goldnen Mantel, der war geſchmückt mit Karfunkelſteinen und Perlen vom goldnen Vogel, daß er glänzte und glitzerte, wie der Sternenhimmel. Die alte Kö— nigin verwunderte ſich ſehr über die große Schönheit und fing die Jungfrau in ihrer Schürze auf; ihr zartes Weſen ſollte nur ja nicht an dem harten Boden ſich anſtoßen. „Du weißt freilich beſſer als ich, wie man wählen ſoll!“ ſprach ſie zu ihrem Jüngſten, „eine ſchönere kann es aber jetzt unter der Sonne nicht geben!“ Die nahm der Jüngſte nun ſelbſt zu ſeinem Weibe und ſie lebten viele Jahre glücklich und zufrieden. Als aber nach langen Jahren die ſchöne Königin ſtarb, ver— ſchwand auch das ſechsfüßige Roß und der goldne Vogel aus der Kirche und ſeitdem hat beide Niemand mehr geſehen.
8. Das Hirſekorn.
Es war einmal ein armer, armer Junge, der hatte von ſeiner Mutter, als ſie ſtarb, ein klein winziges Hirſekorn ge— erbt und das war all' ſein Reichthum. Da er nun weder Vater noch Mutter zu verlaſſen hatte; jo meinte er, die Welt ſei groß und ſchön, er wolle ſich ein wenig darin umſchauen. Alſo nahm er ſein Hirſekorn und wanderte fort. Nicht lange, ſo begegnete er einem alten Manne mit breitem Hut und einem grauen Mantel, der ſah ſo freundlich aus. „Gott grüß euch alter Großvater!“ ſprach der Junge. „Schönen Dank!“ er« widerte der Mann, „wo gehſt du denn hin?“ „Auf Reiſen!“
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ſprach der Junge „und ich trage all' mein Gut mit mir, das iſt ein Hirſekorn, wird es mir nicht geſtohlen werden?“ Da jammerte es den Mann des armen Knaben und er ſprach: „beſorge nichts mein Kind; du wirſt es zwar verlieren, aber dadurch gewinnen!“ Abends kehrte der Junge in einem Dorfe ein, klopfte bei einem Bauern an und bat um Herberge. Als er ſchlafen ging, legte er ſein Hirſekorn auf's Fenſter und ſprach zum Wirthen: „das iſt all' mein Reichthum, wird er mir nicht geſtohlen werden?“ „Schlafe ruhig mein Sohn, es ſoll dir in meinem Haufe kein Schaden geſchehen!! Am Mor- gen, als die Sonne in's Fenſter ſchien, glänzte das Hirſekorn und der Haushahn, der im Hofe herumſtieg und Körner ſuchte, ſah es, flog hin und pickte es auf. Eben war der Knabe er— wacht und erblickte den Hahn auf dem Fenſter, wie er ſein Hirſekorn verſchluckte. Da fing er an zu weinen und zu klagen. Der Bauer tröſtete ihn und ſprach: „Der Hahn iſt dein, Hat er gefreſſen das Hirſelein.“
Nun war der Knabe froh, nahm den Hahn und wanderte weiter. Abends kam er wieder in einem andern Dorfe zu einem Bauern und bat um Herberge; er ſprach: „der Hahn iſt all' mein Reichthum, wird er mir nicht geſtohlen werden?“ „Schlafe ruhig mein Sohn,“ ſprach der Wirth, „auf meinem Hof darf dir kein Schaden geſchehen.“ Früh Morgens aber ging der Hahn im Hofe herum und ſuchte ſich Körner und wie er einige gefunden hatte, ſah dieſes das Schwein des Bauern, packte den Hahn und erbiß ihn, die Köner aber fraß es ſelbſt, Als der Knabe am Morgen nach ſeinem Hahn ſah; ſo lag er todt und er fing nun an zu jammern und zu klagen: „o weh mir, das Schwein hat meinen Hahn erbiſſen!“ Da tröſtete ihn der Bauer und ſprach:
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„Nimm hin das Schwein,
Es ſei nun dein,
Hats den Hahn dir erbiſſen!“ Da band der Wirth ihm ein Seil an den Fuß und der Junge zog weiter. Abends gelangte er wieder in ein Dorf und ſprach abermals bei einem Bauern an, und da nahm man ihn freundlich auf. Er ſagte aber zum Wirthen: „mein ganzer Reichthum iſt dies Schwein, wird es mir nicht geſtohlen werden?“ „Schlafe ruhig mein Sohn, auf meinem Hof darf dir kein Schade geſchehen.“ Als aber am Morgen eine muthige Kuh des Bauern das fremde Schwein im Hof ſah, lief ſie auf daſſelbe los und erſtieß es mit ihren Hörnern. Der Knabe erwachte bald, ging hinaus und ſah ſein Unglück; da fing er an zu jammern; doch der Bauer tröſtete ihn und ſprach:
„Die Kuh iſt dein, Hat ſie das Schwein Dir erſtoßen!“
band ihr ein Seil um den Hals und übergab fie dem Knaben; der wanderte jetzt fröhlich weiter und gelangte Abends auf einen Edelhof und bat um Herberge; die wurde ihm auch gerne gewährt. Der Kuabe aber ſprach ganz unterthänig zum Herrn des Hofes, als er ſchlafen ging: „all' mein Reichthm iſt dieſe Kuh, wird fie mir nicht geſtohlen werden?“ „Schlafe ruhig, armer Junge, auf meinem Hofe ſoll dir kein Schade geſchehen!“ Als am Morgen die Pferde zur Tränke geführt wurden, ſprang ein muthwilliger Hengſt im Hof herum. So wie er die fremde Kuh erblickte, lief er auf ſie zu und ſchlug ſie todt. Da fing der Junge an zu klagen und zu jammern, als er ſeine Kuh todt ſah; der Edelmann aber tröſtete ihn und ſprach:
„Nimm den Hengſt für die Kuh
Und den Zaum dazu!“
42 , Da ſetzte ſich der Junge auf das ſtattliche Roß und ritt fort in die weite, weite Welt und verrichtete viele Heldenthaten; zuletzt iſt er noch auf den Glasberg geritten, hat die Königs— tochter erlöſt und iſt König geworden. Seht ihrs, was aus einem armen Jungen werden kann, wenn ers Glück hat!
9. Die Hälfte von Allem.
Ein Kaufmann hatte drei Söhne; als dieſe groß waren, ſprach der Vater: „jetzt will ich ſeheu, wie ihr zum Geſchäfte euch anſtellt; hier hat jeder hundert Gulden, ziehet in die große Stadt und kaufet ein!“ Die beiden ältern Brüder zogen mit einander voraus, den Jüngſten ließen ſie allein und wollten nichts mit ihm zu thun haben; denn ſie meinten, er ſei ein Dummling und ſie müßten ſich ſeiner nur ſchämen. In der Stadt kaufte jeder der beiden ſo viele Waaren, als man für hundert Gulden nur immer kaufen konnte und wie ſie heim kamen, lobte ſie der Vater und war mit ihnen zufrieden. Als aber der Jüngſte zur Stadt zog, Tab er am Wege einen todten Menſchen liegen, von dem fraßen die Vögel. Da jammerte es ihn und er lief gleich zum nächſten Städtchen und fragte, warum man den Menſchen am Wege liegen laſſe? Es ſei Niemand, ſprachen die Leute, der für die Beerdigung zahlen wolle. „Ich will zahlen!“ ſagte der Dummling und ließ den Todten gleich ehrlich begraben und das koſtete fünfzig Gulden. Froh eilte er jetzt weiter, kam in die große Stadt und kaufte für die an— dern fünfzig Gulden auch Waaren.
Als er daheim ankam, erzählte er ſeinem Vater, was er gethan habe; allein dieſer war zornig und rief: „du biſt ein ſchlechter Kaufmann, wenn du mir's noch einmal ſo machſt,
hl;
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fo jage ich dich fort!“ Nach einiger Zeit ſchickte der Vater die drei Söhne wieder aus und gab Jedem zweihundert Gul« den und ſprach: „ich will ſehen, wer am beſten kauft!“ Die beiden ältern Brüder waren wieder ſchnell in der Stadt und eifrig am Geſchäft und kauften ſo billig, daß ihr Vater mit ihnen ganz zufrieden war. Als der Jüngſte in die Stadt kam und durch die Straßen ging, ſah er an dem Gitter eines Kerkerfenſters ein wunderſchönes Mädchen; er blieb ſtehen und fragte das Mädchen, wie es dahin gekommen ſei. Da erzählte es weinend: man habe in der Stadt hundert Gulden geſtoh— len; man halte es nun für die Diebin; es ſei aber nicht wahr; nur dürfe es nicht ſagen, warum und wie. Der Junge er— barmte ſich ihrer, ging hin vors Gericht und ſprach: „das Mädchen iſt unſchuldig, gebt es frei; hier ſind aber hundert Gulden, bis man den rechten Dieb findet.“ Da ließ man das Mädchen frei und es war gerade die Königstochter. Sie ging nämlich jeden Tag verkleidet in die Häuſer der Armen, that im Stillen Gutes und ſie war jetzt eben auf der Straße, als man die Spur des Diebes verfolgte. Sie fiel den Häſchern, die ſie nicht kannten, in die Hände und dieſe ſchleppten ſie ſo— fort ins Gefängniß. Als fie nun frei war, gab fie dem Jun⸗ gen einen goldnen Ring und ſprach: „daran will ich dich er— kennen!“ eilte dann in die Königsburg und freute ſich, a man fie hier noch nicht vermißt hatte.
Der Junge kaufte für die andern hundert Gulden Waare und zog fröhlich, wie es nach einem guten Werke zu geſchehen pflegt, nach Hauſe und erzählte ſeinem Vater, wie er das arme Mädchen aus dem Gefängniß befreit habe. „Aus dir wird nichts!“ rief ſein Vater zornig, „packe dich fort aus meinen Augen, daß ich dich nie mehr ſehe!“ Der arme Junge mußte fort; ſein Vater gab ihm noch einige Gulden, damit ſolle er
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ſich durch die Welt helfen und Niemandem jagen, weſſen Sohn er ſei. Lange wanderte er herum, aber kein Haus wollte ihn aufnehmen. Wie er nun einmal in trüben Gedanken an der Straße ſaß, kam ein alter Mann“) in einem grauen Mantel zu ihm und fragte: „warum biſt du ſo traurig?“ Da erzählte ihm der Junge ſein Schickſal. Der Alte tröſtete ihn und ſprach: „wenn du mir verſprichſt, nach ſieben Jahren die Hälfte zu geben von Allem, was du haſt, ſo will ich dir ein großes Glück verſchaffen.“ „Das verſpreche ich von Herzen gerne!“ erwiederte der Junge. „So eile in die Hauptſtadt, denn die Königstochter wartet auf dich!“ Damit entfernte ſich der Alte und der Junge zog ſchnell nach der Stadt.
Der König hatte gewünſcht, daß ſeine Tochter heirathe; er liebte ſie aber jo ſehr, daß er ſagte: „ich will ihr nicht zu- wider fein, ihr Herz ſoll frei wählen und träfe es den Aerm⸗ ſten im Reich, ſo wird es mich freuen!“ Schon viele Grafen und Ritter, ja auch Fürſten und Könige hatten um ihre Gunſt geworben, allein vergebens. Da erſchien auch der Junge und kaum hatte die Königstochter den Ring an ſeinem Finger er— blickt, ſo rief ſie freudig: „das iſt der rechte!“ faßte ſeine Hand, führte ihn zum König und ſprach: „Vater ſegne uns!“ Wer war froher als dieſer, wie er ſein Kind ſo überaus ſelig und ſeinen Wunſch erfüllt ſah. Da wurde die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert und der Junge ward nach dem Tode ſeines Schwiegervaters König und lebte in Friede und Freude.
Nach ſieben Jahren erſchien aber nur einmal der alte Mann und verlangte nach dem Verſprechen die Hälfte von Allem, was er habe. Der Junge war gleich bereit und theilte
) In einigen Erzählungen wird hier ftatt des alten Mannes merkwürdig eine alte Steingeis genannt.
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Alles rechtſchaffen genau auf zwei Hälften und gab ihm die eine. Nun wollte der Alte auch von den Kindern den gebüh— renden Theil. Mit ſchwerem Herzen gab der Junge ihm eins, denn er hatte zwei; zuletzt aber blieb noch die Frau und der alte Mann verlangte auch von der die Hälfte. „Wie iſt das möglich?“ rief der Junge beſtürzt. „Die mußt du zerſchneiden!“ ſagte der Alte. Da entſetzte ſich der Junge und ſprach nach kurzem Bedenken: „die habe ich viel zu lieb, als daß ich ihr ein Leid zufügen oder auch nur ein Haar krümmen könnte; aber was ich verſprochen habe, will ich getreu halten; ſo nimm fie ganz.“ „Behalte Alles!“ rief der Alte, „ich habe dich treu erfunden!“ und verſchwand vor den Augen des Königs.
10. Das Zauberroß.
Der Vater war geſtorben und hatte ſeinem Jungen nichts hinterlaſſen, als ein Schwert; damit zog er fort und wollte dienen gehen. Nur einmal begegnete ihm ein alter Mann, der war auf einem Auge blind und ſah auch mit dem andern nicht recht, der fragte ihn: „wo gehſt du hin, Junge?“ „Dienen!“ ſprach der Junge. „Ich brauche gerade ſo einen; willſt du meine Schafe weiden?“ Es war dem Jungen recht und der Alte nahm ihn mit ſich. Als er ihm die Heerde übergeben, ſprach er: „hüte dich nur in jenen Wald zu geheu, denn keiner meiner Knechte iſt lebendig herausgekommen.“ Der Junge hielt ſich einige Zeit daran; aber bald dachte er bei ſich: „du mußt doch einmal ſehen, was dort iſt; was könnte dir ſchaden, du haſt ja dein gutes Schwert!“ Kaum hatte er den Wald betreten und die große Herrlichkeit darin angeſehen, ſo kam ein dreihäuptiger Drache auf ihn und ſchrie: „Menſchenkind,
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wie kommſt du herein, kein Vöglein wagt es meinen Wald zu verunreinigen, willſt du ihn mit deinen Schafen verätzen? Du mußt mit mir ſchlagen oder ringen, was willſt du lieber?“ „Ringen!“ ſprach der Junge. Da faßte ihn der Drache und ſchlug ihn bis zu den Knien in den Erdboden. Der Junge faßte darauf ſein Schwert und hieb dem Drachen die drei Häupter ab und trug ſie nach Hauſe und hing ſie auf die Zaunpfähle. „Was haſt du da?“ fragte der Alte; denn er konnte es nicht ſehen. „Drei Häupter von einem Bock, den ich im Walde erſchlagen!“ „Du Junge, das mag dir ſchlecht frommen; gehe nicht mehr in den Wald!“ Aber am andern Tag trieb die Luſt den Knaben noch tiefer hinein; da war es noch ſtiller und herrlicher; nur einmal kam ein ſechshäuptiger Drache: „ha, Menſchenkind, kein Vöglein kommt in unſern Wald, du haſt ihn mit deinen Schafen verunreinigt und mir meinen Bruder umgebracht; du mußt mit mir ſchlagen oder ringen; was willſt du lieber?!“ „Ringen!“ Da faßte ihn der Drache und ſchlug ihn bis an den Nabel in den Erdboden. Der Junge ergriff ſein Schwert und hieb dem Drachen alle Häupter ab und trug fie nach Hauſe und ſteckte ſie auf Zaun⸗ pfähle. „Was haſt du da?“ fragte der Alte. „Sechs Häupter von einem Bock, den ich im Wald erſchlagen!“ „Das mag dir ſchlecht frommen, gehe nicht mehr in den Wald!“ Tags darauf hatte der Knabe noch viel größere Luſt und ging tiefer in den Wald und es war da noch ſtiller und herrlicher. Nur einmal kam ein neunhäuptiger Drache: „ha, Menſchenkind, kein Vöglein kommt in unſern Wald, du haſt ihn verunreinigt und meine Brüder umgebracht; du mußt mit mir ſchlagen oder ringen; was willſt du lieber?“ „Ringen!“ Da faßte ihn der Drache und ſchlug ihn bis unter die Achſeln in den Erd— boden. Der Knabe konnte ſein Schwert noch ſchwingen und
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hieb dem Drachen alle Häupter ab, trug ſie nach Haufe und ſteckte ſie zu den andern auf die Zaunpfähle. „Was haſt du da wieder?“ fragte der Alte. „Neun Häupter von einem Bock, den ich im Wald erſchlagen!“ „Das mag dir ſchlecht frommen, gehe nicht mehr in den Wald!“ Aber am folgenden Tag drang der Junge noch tiefer hinein und es war da noch viel ſtiller und herrlicher. Nur einmal kam ein zwölfhäuptiger Drache herangefahren: „ha, Menſchenkind, kein Vöglein kommt in unſern Wald, du haſt ihn verunreinigt und meine Brüder umgebracht; du mußt mit mir ſchlagen oder ringen; was willſt du lieber?“ „Schlagen!“ ſprach der Junge; denn er fürchtete der Drache werde ihn bis über den Kopf in den Erdboden ſtoßen und dann könne er ſein Schwert nicht brauchen. Da ſchlug der Drache ihn mit ſeinem Schweif, daß er zwölf Klaftern weit fortflog. Jetzt kam aber der Junge mit ſeinem Schwert herbeigelaufen und hieb dem Drachen elf Häupter auf einmal ab; bis er das zwölfte abſchlug, waren die elf andern wieder gewachſen und wenn er die elf abſchlug, wuchs das zwölfte wieder. So ging es bis gegen Abend. Als aber die Sonne unterging, verlor der Drache alle Kraft und die des Knaben wuchs und ſo ſchlug er die zwölf Häupter auf einmal ab. Als er nach Hauſe kam, ſteckte er ſie zu den andern auf die Zaunpfähle und alle Pfähle um den Hof waren jetzt beſetzt. Da fragte der Alte: „was haſt du da?“ „Zwölf Häupter von einem Bock, den ich im Wald erſchlagen!“ „Das wird dir ſchlecht frommen, gehe nicht mehr in den Wald!“ Allein jetzt war die Luſt und Begierde des Knaben gerade auf das Höchſte geſtiegen; „was wird noch da ſein!“ dachte er und ging am folgenden Tage noch tiefer hinein. Da war es viel ſtiller und ſchöner. Nur einmal ſah er in der Ferne ein Häuscheu und davor ſtand eine ſteinalte Frau, das war die
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Buſchmutter. Er ging zu ihr und grüßte fie freundlich. „Komm herein!“ ſprach die Alte. Da führte ſie ihn in ein Zimmer, darin lag ein Todter. „Das iſt mein jüngſter Sohn, den du mir zuerſt erſchlagen haſt!“ Dann kamen ſie in ein anderes Zimmer: „hier liegt ſein älterer Bruder, den du zum zweiten- mal erſchlugſt!“ Sie gingen in das folgende Zimmer: „hier liegt deſſen älterer Bruder, den du zum drittenmal erſchlugſt!“ Sie kamen in ein anders: „hier liegt mein älteſter Sohn, den du zuletzt erſchlugſt!“ Sie öffnete eine andere Thüre und rief: „und dahin kommſt du!“ da wollte ſie ihn packen, aber der Knabe erhob ſein Schwert und ſchlug ſie gleich zu Boden; doch konnte er fie, wie ſehr er auch ſchlug, nicht ver- wunden und die Alte verlachte und verhöhnte ihn. Wie aber feine rechte Hand ermuͤdet war, nahm er das Schwert in die Linke: „o weh! o weh!“ ſchrie ſogleich die. Alte, „haue nicht; ich will dir was Heilſames ſagen!“ „So ſprichſt du gleich!“ rief der Junge und hielt das Schwert gezückt über ihr. Die alte Hexe zitterte und ſprach: „hinter dieſem Hauſe, ſteht ein Baum, unter deſſen Wurzel iſt ein mächtiger Stein und darauf liegt eine Kröte; nimm dieſe und beſtreiche damit dreimal dem Alten die Augen und ſchleudere ſie ihm zuletzt wider die Stirne, daß ſie zerplatzt; ſo wird er wieder ſehen!“ „Iſt das Alles?“ ſprach der Junge. „Ja!“ ſprach die Hexe. Kaum hatte fies gejagt, jo ließ er das Schwert auf fie niederfahren und ihr Kopf lag gleich auf dem Boden. Nun grub er unter dem Baum bis auf den mächtigen Stein, fand die Kröte, nahm ſie und eilte nach Hauſe, beſtrich dem Alten dreimal die Augen und ſchleuderte ſie ihm dann an die Stirne, daß ſie in tauſend Stücke zerſchmettert wurde, und alsbald waren ſeine Augen heil und er ſah wie die Sonne. Aus der zerſchmetterten Kröte war aber auch eine kleine Geſtalt hervorgeſprungen; dieſe
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rief: „ich danke dir, daß du mich erlöſt haſt; die alte Hexe hat nicht Alles geſagt, ich mußte, in die garſtige Kröte ver— ſchloſſen, auf dem Schatz der Drachenbrüder liegen und ihn bewachen!“ Damit ſchlüpfte ſie in eine Bergſpalte. Nun ſah der Junge gleich nach und fand richtig unter dem mächtigen Stein den unermeßlichen Schatz. „Laſſe den Schatz da,“ ſprach der Alte, „den kannſt du jederzeit heben; allein ich gebe dir eine köſtlichere Gabe dafür, daß du mir das Licht der Augen zurückgegeben, das mir die alte Hexe genommen hatte! Nimm das Roß aus meinem Stall, damit reite in die Welt, denn du biſt noch jung.“ Das Roß aber war kein gewöhnliches; es hatte acht Füße und war wunderſchön, aber das Beſte an ihm war, daß es ſprechen konnte und große Weisheit beſaß. Der Junge war ſehr froh, ſetzte ſich gleich auf und ritt in die Welt. Wie er ein Stück geritten war, ſah er auf der Erde eine kupferne Feder liegen. „Die mußt du aufheben!“ ſprach das Roß; der Junge that es; ein wenig weiter lag eine ſilberne Feder und noch ein wenig weiter eine goldene. Auch dieſe hob er auf, wie ihn das Roß geheißen hatte. Nun gelangte er bald in die große Stadt, wo der König wohnte; er ging an den Hof und fragte, ob man keinen Knecht brauche, er wolle gerne dienen mit ſeinem Roß. Der König nahm ihn an. Nach einiger Zeit machte man eine große Jagd; da erjagte der Junge eine Menge Wild, denn mit ſeinem Roß konnte er Alles er— eilen. Das gefiel nun dem König ſo ſehr, daß er den Jungen lieb gewann vor den andern Knechten; dieſe aber überkam der Neid und ſie dachten darauf, wie ſie ihren Kameraden verderben könnten. Der Junge hatte dem König die kupferne, ſilberne und goldene Feder geſchenkt. Da gingen eines Tages die andern Knechte zu ihrem Herrn und ſagten: „der Jungknecht hat ſich gerühmt: ja es wäre ihm ein Leichtes, auch die drei Vögel zu Deutſche Volksmärchen aus Siebenbürgen. 4
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bekommen, von denen die Federn wären.“ Den König überkam ſogleich die Luſt und Begierde, die Vögel zu beſitzen; er ließ den Jungen rufen und ſagte: „wenn du mir in drei Tagen die Vögel nicht zur Stelle ſchaffſt, ſo iſt es aus mit deinem Leben!“ Da war der Junge traurig und wußte ſich nicht zu helfen. Wie er in den Stall trat, fragte ihn ſein Roß: „warum biſt du ſo traurig?“ Da erzählte es der Junge. „Gehe zum König,“ ſprach das Roß, „und verlange von ihm einen kupfernen, ſilbernen und goldnen Vogelkorb.“ Als er die drei Käfige hatte, ſprach das Roß weiter: „jetzt ſitze auf mich und reite ins Feld,“ und wie ſie dort angelangt waren, ſprach es wieder: „nun rufe einmal nach allen vier Weltgegenden: „Vögel her!“ Kaum war das geſchehen; ſo kamen eine Menge Vögel von allen Seiten herbei und auch der Vogelkönig erſchien und fragte dem Jungen, was er befehle. „Kannſt du mir nicht ſagen, wo die drei Vögel zu finden, von denen dieſe Federn ſind.“ „Die gehören nicht meinem Reiche an!“ ſprach der Vogelkönig, „gleich will ich aber bei meinem Volte fragen, ob Niemand Beſcheid weiß.“ Aber kein Vogel konnte Auskunft geben. „Fehlt Niemand?“ fragte der König. Als man jetzt nachzählte, ſo fehlten drei Vögel, die kamen eben herbeigeflogen und waren ſehr müde. „Wir hörten wohl den Ruf, aber wir konnten nicht ſo leicht kommen; denn wir waren am Weltende!“ ſprachen ſie und erzählten nun von den Wunderdingen, die ſie geſehen, der eine vom kupfernen Drachen und kupfernen Vogel, der andere vom ſilbernen Drachen und ſilbernen Vogel und der dritte vom goldnen Drachen und vom goldnen Vogel, wie die Drachen ſich geſonnt und wie die drei Vögel ſie in den Schlummer geſungen hätten. Das war dem Jungen ſehr angenehm zu hören und der Vogelkönig befahl, daß die drei ihm den Weg zeigen ſollten. Auf ſeinem ſchnellen Roß war
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er bald an Ort und Stelle und mit ſeinem Schwert erſchlug er die Drachen alsbald und der kupferne und ſilberne und goldne Vogel ließen ſich leicht fangen. Der König freute ſich ſehr, als der Junge ihm nur einmal die Vögel brachte und von da an liebte er ihn noch viel mehr; aber die andern Knechte wurden um ſo neidiſcher und falſcher und ſuchten immer, wie ſie ihn verderben könnten. Da ſprachen ſie eines Tages. wieder zum König: „der Jungknecht hat ſich gerühmt, es ſei ihm ein Leichtes, die ſchöne Meerjungfrau ſeinem Herrn zu ver— ſchaffen.“ Den König ergriff ſogleich ein unendliches Ver— langen, das ſchöne Weib zu beſitzen; er ließ den Knaben vor ſich kommen und ſprach: „wenn du in drei Tagen mir nicht die ſchöne Meerjungfrau bringſt, ſo hat dein Leben ein Ende; bringſt du ſie aber, ſo ſollſt du mein halbes Königreich und meine Schweſter zum Weibe bekommen!“ Der Junge freute ſich über das Letzte, wie er aber an das Erſte, an den ſchweren Auftrag dachte, ward er ſehr betrübt. Da fragte ihn wieder ſein Roß, warum er ſo traurig ſei. Er erzählte ihms. „Gehe hin zum König und verlange von ihm ein ganz weißes Brod und eine Flaſche vom beſten Wein.“ Als der Junge das Brot und den Wein brachte, ſprach das Roß wieder: „nun ſetze dich auf mich und reite zum Meere!“ Als ſie da anlangten, ſagte es weiter: „jetzt lege Brot und Wein ans Ufer, ſobald das Meer dann anfängt zu ſteigen, wird die Meeresjungfrau kommen und vom Brot eſſen und vom Wein trinken. Sobald das geſchehen, rufe gleich aus dem Verſteck: „geſehen, gefangen!“ aber ja nicht eher, als bis ſie gegeſſen und getrunken, denn es wäre dann umſonſt und ſie verſchwände ſchnell in der Flut, aber ja früher als bis ihr Fuß wieder die Welle genetzt hat. Dann iſt ſie gebannt und muß uns zu Hofe nachfolgen.“ Alſo that der Knabe, wie ihn das weiſe Roß gelehrt hatte. 4*
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Die Jungfrau kam langſam, ſah zuerſt genau um ſich, horchte, endlich trat ſie aus dem Waſſer ans Ufer, nahm von dem Brot und trank von dem Wein und ſchon wollte fie zurück: nun erſcholl der Ruf, „geſehen, gefangen!“ Da ſtand ſie bleich und feſtgebannt und der Junge mit dem Roß ſprang ſchnell hervor, grüßte ſie ſchön und bat ſie zu folgen, denn ſie ſolle die Gemahlin ſeines Königs werden. Die Jungfrau folgte, weil ſie mußte, aber ſie trug mit ſich großen Zorn. Als der König ſie ſah, grüßte er ſie fein und freute ſich ſehr und hätte gerne bald Hochzeit gehalten: allein die Meerjungfrau blickte finſter und ſprach: „zuerſt mußt du mir noch meinen Fohlen— hengſt und mein Geſtütte hierher ſchaffen.“ Da ging der König wieder zum Knaben und ſagte: „haſt du mir die Meer— jungfrau gebracht, ſo mußt du mir auch ihren Fohlenhengſt und ihr Geſtütte hierher führen, ſonſt hat dein Leben ein Ende; iſt das aber vollbracht, ſo will ich nichts mehr von dir ver— langen und dann ſollſt du den verſprochenen Lohn haben!“ Der Knabe ward wieder ganz betrübt und wie er ſo in den Stall kam, fragte ihn wieder ſein Roß, was ihm fehle. Er erzählte ihm von dem neuen Auftrag. „Gehe zum König und verlange von ihm zwölf Büffelhäute und zwölf Pfund Harz, dann klebe dieſe zuſammen und überziehe mich dami!.“ Als das geſchehen war, ſprach das Roß weiter: „jetzt ſitze auf mich und ziehe ans Meer!“ Als ſie da angekommen waren, ſprach das Roß wieder: „jetzt nimm meinen Halter und verkrieche dich; dann will ich den Hengſt herbeilocken und mit ihm kämpfen; wenn du ſiehſt, daß er zur Erde fällt, ſo komme und lege ihm den Halter an.“ Kaum hatte ſich der Junge verſteckt, ſo ſtampfte das Roß und wieherte. Nur einmal kam der Fohlenhengſt herbeigerannt und ſchnaubte Feuer und Flammen; da fing der Kampf an; er durchbiß ein Büffelfell
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nach dem andern, als er aber das zwölfte durchbiſſen hatte, ſank er vor Ermattung nieder; jetzt lief der Junge hinzu und legte ihm den Halter an. „Nun ſchnell auf und davon!“ flüſterte ihm ſein Roß zu. Der Junge ſchwang ſich auf und der Fohlenhengſt mußte aufſtehen und nachfolgen. Da ſtampfte er einmal gewaltig und wieherte ſo laut, daß es dem Jungen durch Mark und Bein ging. Nach einiger Zeit ſprach das Roß: „ſieh zurück, merkſt du nichts?“ „Ich ſehe eine Wolke aufſteigen.“ „Das iſt das Geſtütt, wenn das uns erreicht, ſo ſind wir verloren, denn wir werden von ihm zertreten!“ Da ſtampfte der Fohlenhengſt noch einmal und wieherte. „Siehe zurück!“ ſprach das Roß. „Ich ſehe ſchon die vielen Pferde— häupter.“ Da raunten ſie aus allen Kräften und als ſie durchs Schloßthor zogen, ſo ſtampfte der Fohlenhengſt zum drittenmal und wieherte. Alsbald waren auch die Stuten da und kamen in den Schloßhof. Der Junge aber hatte ſein Roß ſchnell in den Stall gebunden und hatte dem König die Nachricht gebracht, der Auftrag ſei vollführt; der freute ſich ſehr; die Meerjungfrau jedoch ſah noch viel wilder und entſetzlicher aus, als früher. „Bis du nicht alle Stuten gemolken und in der ſiedenden Milch dich gebadet haſt, werde ich dein Weib nicht!“ Da kam der König wieder zum Knaben und ſprach: „melke die Stuten ſogleich in einen großen Keſſel und wenn du es nicht thuſt, ſo iſt dein Leben am Ende.“ „O König,“ ſprach der Junge, „hältſt du ſo dein Verſprechen?“ er ward traurig, ging in den Stall und klagte ſeinem Roß. „Was gibt es denn wieder?“ fragte dieſes. Er ſagte ihm vom neuen Auftrag. „Führe mich in den Hof, ſo wirſt du gleich melken können!“ Kaum war das geſchehen, blies das Roß aus ſeinem linken Naſenflügel ſolche Kälte heraus, daß die Füße der Stuten an die Erde anfroren; jo molk der Knabe leicht, denn die Stuten
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ſtanden ruhig wie Lämmer. Als der Keſſel voll war, machte man Feuer darunter und als die Milch ſiedete, zitterte der König, denn er merkte, es könne ſein Leben koſten. Da rief die Meerjungfrau: „der Kuecht ſoll zuerſt baden, der mich und meinen Fohlenhengſt und mein Geſtütt hierher gebracht hat!“ denn ſie haßte ihn deßhalb und wollte ihn zuerſt verderben. „Ja“ rief der König, „nur ſchnell, ſteige hinein.“ Der Junge dachte: „nun iſt es aus mit dir!“ und war ganz niedergeſchlagen; „laſſe mich nur einmal noch mein Roß ſehen!“ Das wurde ihm geſtattet. Als er hinkam, ſagte ihm das Roß: „führe mich nur zum Rande des Keſſels und fürchte dich dann nicht. Alſo that der Knabe und ſo wie er in den Keſſel ſtieg, blies das Roß auf einmal ſo viel Kälte hinein, daß die Milch lau— warm wurde; es dünkte ihn ſehr gut und er rief: „wie thut das ſo wohl!“ Als der König ſah, daß ſein Knecht unverſehrt blieb, bekam er Muth und ſprach: „heraus mit dir, daß ich jetzt einſteige.“ Kaum war der Junge heraus, jo war auch der König ſchon drinnen und das Bad ſchien ihm angenehm. Aber nun blies das Roß aus dem rechten Naſenflügel auf einmal fo viel Glut in den Keſſel, daß die Milch gleich hoch aufſiedete und der König verbrannte.
Da lächelte die Meerjungfrau und dachte, der Junge werde nun ihr Gemahl werden, doch er ging hin und nahm die Schweſter des Königs; die ſtolze Meerjungfrau aber, die ihn hatte verderben wollen, machte er zu ihrer Dienſtmagd. Als er nun Herr und König war, ſagte das Roß zum Jungen: „noch einen Dienſt kann ich dir thun, ſetze dich auf mich und nimm den Fohlenhengſt und alle Stuten und bringe dir den Schatz her.“ Da zog der Knabe hin und brachte den uner- meßlichen Schatz, der unter dem Baum lag. Als das geſchehen war, ſprach das Roß: „von nun an bedarfſt du meiner nicht,“
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und verſchwand vor den Augen des Jungen. Wahrſcheinlich zog es wieder zu jenem alten Mann, ſeinem Herrn; die Meer— jungfrau aber, ihren Fohlenhengſt und ihre Stuteu behielt der neue König immerfort in ſeinem Dienſt und war reich und mächtig, glücklich und zufrieden.
I. Goldhaar.
Es war einmal ein armer, armer Mann, der hatte einen Knaben und wußte nicht, wie er ihn länger erhalten ſollte; er führte ihn eines Tages in einen dichten Wald und als er mit dem Jungen das letzte Stückchen Brot gegeſſen hatte, ſchlief dieſer ein. Da ſtand der Vater auf und ging nach Hauſe, denn er dachte, wenn der Kleine erwacht, wird er ſich verirren und nicht nach Hauſe finden; und ſo geſchah es auch. Als der Knabe die Augen aufſchlug und ſah, daß ſein Vater fort war, machte er ſich auf und wollte nach Hauſe, aber er gerieth nur immer tiefer in den Wald und es wurde ſchon Abend; er ging und lief voll Angſt hin und her; endlich ſah er ein kleines Häuschen; hier wollte er Nachtherberge nehmen. Als er ein— trat, ſaß an dem Tiſch ein alter blinder Mann und aß Hühner ſuppe. Der Knabe war ſo hungrig, daß er zum Tiſch ging, einen Löffel nahm und mitaß. Der blinde Mann aber merkte es und fragte: „wer ißt von meiner Hühnerſuppe?“ „Ich bins, lieber Großvater,“ rief der Knabe, „denn ich habe gar großen Hunger!“ Da freute ſich der Alte und ſprach: „ich habe lange auf dich gewartet, du ſollſt es gut haben bei mir!“ Nach dem Eſſen machte er ihm ein weiches Bettchen und der Knabe ſchlief ſo gut, als wäre er im Himmel. Am folgenden Morgen, als er aufgeſtanden war, ſagte der Alte: „nun ſollſt
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du meine Geis hüten!“ Dazu war der Knabe willig und bereit und als er Abends nach Hauſe kam, aß er mit dem blinden Großvater wieder Hühnerſuppe und die ſchmeckte ſehr gut. Nun hütete er zwölf Jahre lang, einen Tag wie den andern die Geis und der Alte „war mit dem Jungen wohl zufrieden. Da gab er ihm eines Tages ein Schwert und ſprach: „damit kannſt du Alles erhauen!“ Als er die Geis wieder auf die Weide trieb und ſehr weit ziehen mußte; denn ſie hatten ringsherum Alles abgefreſſen; kam er in einen Wald, wo die Bäume und Blätter von blinkendem Kupfer waren. Indem er darüber ſtaunte, fuhr der Kupferdrachen herbei und rief: „heda, du Menſchenkind, willſt du mit deinen Geis meinen Wald verätzen?“ und wollte ihn gleich verſchlingen; aber der Knabe nahm ſein Schwert und hieb dem Drachen alle Häupter herunter. Darauf ging er in das Schloß und da war Alles von Kupfer, aber nichts Lebendes zu ſehen und zu hören; an der Wand hing ein kupferner Zaum, den nahm er mit ſich. Abends trieb er die Geis heim und ſie gaben viel mehr Milch als vorher. Er erzählte darauf dem Alten, wie er den Drachen erſchlagen und ſich einen kupfernen Zaum aus deſſen Schloſſe gebracht habe. „Und das iſt das beſte aus dem Schloſſe,“ ſprach der Alte, „denn wenn du den Zaum ſchüttelſt; ſo erſcheint gleich ein Heer Soldaten in kupferner Rüſtung ſo groß, als du es wünſcheſt!“ Am andern Tag trieb er ſeine Geis noch weiter und er kam in einen Wald, da waren die Bäume und Blätter aus blankem Silber und das glänzte und glitzerte ſehr. Indem er da ſtand und ſich verwunderte, kam der Silberdrache herbei und rief: „heda, du Menſchenkind, willſt du mit deinen Geis meinen Wald verätzen?“ und wollte ihn ſogleich verſchlingen; aber der Knabe ſchwang ſein Schwert und hieb ihm alle Häup— ter ab. Nun ging er in das Schloß und darin war Alles
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von blankem Silber; aber keine lebendige Seele war drinnen; an der Wand hing ein ſilberner Zaum, den nahm er mit. Als er am Abend die Geis heimtrieb, gaben ſie dreimal ſo viel Milch, als am vorigen Abend und er erzählte dem Alten wieder, wie er den Silberdrachen erſchlagen und ſich den ſilber— nen Zaum mitgebracht habe. „Und das iſt das beſte aus dem Schloſſe,“ ſprach der Alte, „denn wenn du den Zaum ſchüttelſt; jo erſcheint gleich ein Heer Soldaten in filberner Rüſtung jo groß, als du es wünſcheſt.“ Am dritten Tage trieb er die Geis noch weiter und gelangte in einen Wald, wo die Bäume und Blätter von purem Gold waren. Das war eine Herr— lichkeit! Wie das glitzerte und glänzte! Indem er das Alles ſo anſah, kam nur einmal der Golddrache und rief: „heda, du Menſchenkind, willſt du mit deinen Geis meinen Wald ver— ätzen?“ und wollte ihn verſchlingen, aber der Knabe ſchwang ſein Schwert und ſchlug dem Drachen auf einmal alle Häupter ab. Dann ging er in das Schloß und da war Alles von purem Gold und ach ſo ſchön, ſo ſchön! aber nichts Lebendiges ſah und hörte man; an der Wand hing ein goldener Zaum, den nahm er mit. Als er die Geis am Abend heimtrieb und melkte; ſo gaben ſie neunmal ſo viel Milch, als am vorigen Abend. Nun erzählte er dem Alten, wie er den Golddrachen getödtet und den goldnen Zaum aus dem Schloſſe ſich mitge— bracht habe. „Und das iſt das beſte!“ ſprach der Alte, „denn wenn du den Zaum ſchüttelſt; ſo erſcheint gleich ein ganzes Heer Soldaten in goldner Rüſtung.“ Am folgenden Tage ſprach der Alte: „gib mir zurück das Schwert; es hat jetzt ſeinen Dienſt gethan und ſeine Kraft bewährt; mit den drei Zäumen kannſt du jetzt ausziehen und die Jüngſte und Schönſte von den Königstöchtern dir erwerben!“ Das war dem Knaben ganz recht und er ſchickte ſich zur Reiſe. Bevor er aber abzog,
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führte ihn der Alte in einen dunklen Felſen; darin ſprang ein Brunnen hoch auf: „noch muß ich dein Haupt waſchen!“ und benetzte ſeine Haare mit der ſpringenden Flut und als der Junge hinaus in die Sonne trat; ſo waren ſie lauter Gold und glänzten, daß es eine Freude war. „Jetzt kanuſt du ziehen; aber halte dein Haupt immerfort bedeckt, daß Niemand deine Haare ſieht!“
Der Junge gelangte bald in die Königsſtadt, verſteckte ſeine drei Zäume unter einem Baum und fragte am Hof, ob der König keinen Diener brauche. Nun fehlte gerade ein Küchenjunge und ſo wurde er als ſolcher in den Dienſt ge— nommen; doch machte er die Bedingung, er ſolle ſeine Mütze nie abnehmen dürfen, denn er habe einen böſen Grind. Er zeigte ſich aber ſo geſchickt, daß der Koch ihn ſehr lieb gewann und zu Allerlei anſtellte.
Der König hatte drei wunderſchöne Töchter; von dieſen war aber die Jüngſte am allerſchönſten. Da trug es ſich zu, daß dieſe einmal erkrankte und im Bette lag. Während der König und ſeine älteren Töchter in der Kirche waren, ſchickte der Koch den Jungen mit Suppe zur kranken Königstochter. Da ſah ihn dieſe genau an, ſprach mit ihm und es wurde ihr auf einmal ſo wohl, als ſei ſie geſund. Da nahte die Zeit, wo viele junge Grafen und Fürſten an den Hof kamen und um die Königstöchter warben; um die Jüngſte aber drehten ſich die Meiſten; ſie aber ſah keinen mit geneigtem Blicke an. Ihre Schweſtern reichten ihre Hand bald zwei Fürſten und da drängte und beſchwor ſie ihr Vater, ſie ſolle nun auch einen Fürſten nehmen und als ſie nicht mehr ausweichen konnte, ſagte ſie: „den Küchenjungen will ich nehmen, aber nie und nimmer einen andern!“ Als das der König hörte, erſchrak er jo ſehr, daß ihm eine Zeit lang die Sprache verging; dann aber fing
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er in feinem Zorne jo heftig an zu wüthen, daß er ſeine Toch— ter in Banden ſchlagen und in einen Thurm ſperren ließ. Nicht lange darauf ward der König in einen Krieg verwickelt; die beiden Fürſten, ſeine Eidame mußten ihm auch helfen und mit in den Kampf ziehen. Der Küchenjunge bat den Koch, er möge ihm erlauben, in die Nähe zu gehen, daß er ſehe, wie es im Kriege ſei. Der Koch gewährte ihms, denn er hatte ihn ſehr lieb. Nun ging der Knabe hin zu der Stelle, wo die Zäume waren, nahm den kupfernen hervor und ſchüttelte ihn. Da kamen eine Menge Krieger hervor, ſo viele als Blätter find im Wald und alle glänzten in kupferner Rüſtung und vor dem Jungen ſtand gleich ein geſatteltes Roß mit der Rüſtung für ihn; die legte er ſchnell an und im Hui ging es zur Schlacht. Der König und ſeine Schwiegerſöhne waren aber geſchlagen worden und wandten ſich ſchon zur Flucht; da ſtellte der Junge den Kampf wieder her und bald war der Feind gänzlich beſiegt. Nun aber eilte der Junge, noch ehe der König ihm danken konnte, mit ſeiner Schaar von dannen; kam zum Baum ge— ritten, legte den Zaum in ſeine Stelle und das ganze Heer war ſogleich verſchwunden. Als der König und feine Leute heimkehrten; ſo erzählten ſie Wunder von dem Heere, das ih— nen in der höchſten Noth zu Hilfe geeilt und von deſſen Führer und es war ihnen nur leid, daß er dann ſogleich verſchwunden wäre. Der König mußte bald wieder in einen Krieg. Da zog der Küchenjunge abermals hin, nachdem er dem Koch ge— ſagt hatte, er wolle aus der Ferne zuſehen. Er ging aber zu der Stelle, wo die Zäume lagen und holte jetzt den ſilbernen hervor und ſchüttelte ihn. Da kamen Soldaten hervor, unzäh— lige, der Erden ſchwer und alle glänzten in ſilberner Rüſtung und vor dem Jungen ſtand ein geſatteltes Pferd mit der Rüſtung für ihn; die legte er ſchnell an und im Hui ging
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es zur Schlacht; der König war jetzt ſchon geſchlagen und floh; da kehrte der Junge ihn und die Fliehenden um, fing den Kampf von neuem an und der Feind wurde niedergeſchmettert. Der König wollte ſchnell zum jungen Heldenanführer hinan— reiten, um ihm zu danken; allein der war nach vollbrachter That mit ſeinen Schaaren gleich fort; er ritt zu der Stelle wo die Zäume waren, legte den ſilbernen hin und ſogleich war das Heer verſchwunden. Als der König und ſeine Leute heim— kehrten, erzählten ſie abermals Wunder von dem ſtattlichen Helden und ſeinen Schaaren in ſilberner Rüſtung und es war ihnen nur leid, daß ſie ihm nicht nachgeeilt, um ihm zu dan— ken und ihn kennen zu lernen. Nach einiger Zeit erhob ſich abermals ein Feind und das war der gewaltigſte von allen; der König zog mit allen ſeinen Schaaren ihm entgegen. Der Küchenjunge bat ſich vom Koch wieder aus, hinzugehen, damit er ſehe, wie es im Kriege ſei; er kam aber zu der Stelle wo die Zäume lagen, nahm jetzt den goldnen hervor, ſchüttelte ihn und alsbald drängten ſich unzählige Soldaten hervor und wim— melten wie Schaaren von Heuſchrecken, da wo ſie ſich nieder— laſſen, und alle erglänzten in der goldnen Rüſtung und vor dem Jungen ſtand ein geſatteltes Roß mit der Rüſtung für ihn; die legte er an und ließ jetzt auch ſein goldnes Haar un— ter dem Hut herabwallen und im Hui ging es zur Schlacht. Schon war der König aufs Haupt geſchlagen und ſein Heer zerſprengt in alle Winde; da rückten die Hilfsſchaaren ein, griffen den Feind an und vernichteten ihn ganz und gar. Der König wollte ſeinem Retter danken, aber bis er ſich recht um— ſah, war der auch ſchon wieder mit all ſeinen Schaaren fort. Daheim nun ließ er ein großes Siegesfeſt veranſtalten, weil nun alle ſeine Feinde beſiegt lagen. Es waren aber ſo viele Gäſte, daß die Diener nicht hinreichten, ihnen aufzuwarten;
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da mußte der Koch den Küchenjungen auch anſtellen. Der König dachte eben an ſeine liebſte Tochter im Thurm und ſein Herz war in der Freude verſöhnlich geſtimmt; er ließ ihr ſa— gen, wenn ſie ſich jetzt entſchließe, einen Fürſten oder Grafen zum Gemahl zu nehmen; ſo wolle er ſie wieder als ſein liebes Kind aufnehmen; allein wie ſehr auch die Arme im Thurm Noth litt; ſchon ein Jahr hatte ſie ſo einſam gelebt und nur Waſſer und Brot genoſſen; ſie blieb dem treu, den ſie in ihrem Herzen trug und ſprach: „nie und nimmer einen andern als den Küchenjungen!“ Da fuhr der König in großem Zorn auf und gerade jetzt trat der Küchenjunge mit einer Schüſſel Wild— pret zum König und hatte die Mütze auf. „Du Unverſchäm— ter wagſt es und dazu mit unentblößtem Haupte vor meinem Angeſicht zu erſcheinen!!“ Damit erhob er ſeine Hand und ſchlug ihm die Mütze vom Haupte, daß ſie weithin in eine Ecke flog. Der Junge aber ſtand auf einmal da in aller Herrlichkeit und die Goldlocken fielen ihm um das Haupt und er glänzte wie die Sonne. Da erkannte der König gleich ſei— nen Retter, fiel vor ihm nieder und ſprach: „Verzeihung!“ Der Junge hob ihn auf und nun wurde die jüngſte Königs— tochter mit Jubel aus dem dunkeln Thurme in den Feſtſaal gebracht und das Siegesfeſt wurde auch zum Hochzeitfeſt und es war große Freude.
Nach der Hochzeit zog der Junge mit der ſchönen Königs— tochter in den goldnen Wald und nahm Beſitz vom goldnen Schloß; den kupfernen und ſilbernen Wald mit dem kupfernen und ſilbernen Schloſſe ſchenkte er ſeinen Schwägern. Den al— ten blinden Mann aber ſuchte er vergebens, der war ſammt dem Häuschen verſchwunden und er konnte ſein Lebtag nichts mehr von ihm erfahren.
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12. Unſer Herrgott und der Kirchenvater.
Ein Kirchenvater hatte, wie das ja hie und da noch zu geſchehen pflegt, ſeiner Kirche ein Opfer gebracht und zwar einen prachtvollen Leuchter ſammt einer großen Wachskerze. Unſer Herrgott erſchien ihm in der Geſtalt eines alten Man— nes und verſprach ihm zum Danke für ſein Geſchenk: er wolle ihn dreimal an den Tod mahnen, bevor er ihn von dieſer Erde abrufe. Froh darüber lebte der Kirchenvater nun herrlich und in Freuden, aß und trank und der Kirchenkeller mußte herhal— ten und bei ſolchem Leben dachte er gar nicht an das Sterben. Aber nach einigen Jahren konnte ſein Körper es nicht mehr aushalten; ſeine Kniee ſanken ein, ſein Rücken krümmte ſich und er war genöthigt, die Krücke in die Hand zu nehmen; nicht lange ſo verlor er auch das Geſicht, zuletzt auch das Ge— hör. Krumm, blind und taub wie er war, lebte er dennoch immerfort toll und voll, wie ehemals. Endlich kam unſer Herr— gott, um ihn abzuholen. Der Kirchenvater war beſtürzt und verzagt und machte ihm Vorwürfe, warum er ihn denn nicht dreimal gemahnt, wie er gejagt habe? Da ſprach unſer Herr— gott in gerechtem Zorn: „Wie? hätte ich dich nicht gemahnt? Klopfte ich dir nicht zuerſt auf die Achſel und an die Knie, daß du krumm gehen mußteſt? Legte ich dir dann nicht mei— nen Finger aufs Auge, daß du nicht ſehen konnteſt und zupfte ich dir zuletzt nicht am Ohr, daß du taub wurdeſt? Alſo iſt erfüllt, was ich dir verheißen hatte, wohlan folge mir!“ Der Kirchenvater bat nun demüthig um Verzeihung, er habe wahr— lich die Mahnung nicht verſtanden und habe ſich jetzt zum Tode noch gar nicht vorbereitet. Milde blickte unſer Herrgott auf den reuigen Kirchenvater und ſprach: „komme nur komme; ich will dir nicht gerechter, als gnädig ſein!“
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Ihr aber merkt euch das; alſo gerade mahnt auch euch alle unſer Herrgott; ſehet zu, daß ihr nicht auch ſo unvorbe— reitet ſeid, wenn er euch abruft!
13. Der Federkönig.
Es war einmal ein Paar arme Leute auf dem Feld und hatten auch ihr kleines Kind mit, das lag in einer Schaukel, die war aus Windeln und hing an vier Stecken. Nur einmal kam eine wilde Katze“) aus dem Wald, nahm das Kind und trug es fort in ihre Höhle; ſie that ihm aber nichts zu Leide, ſondern pflegte es vielmehr, brachte ihm Kräuter, Wurzeln und Erdbeeren, ſo daß es keine Noth litt. Alſo wuchs es da auf in der Höhle; es war aber ein Knabe und wie der groß war, ſprach die Katze zu ihm: „nun ſollſt du die Königstochter heirathen!“ „Aber ich bin ja nackt,“ ſprach der Knabe, „wie ſoll ich vor den König gehen!“ „Mache dir keine Sorgen, ich will dir gleich ein Kleid ſchaffen.“ Da lief die Katze in den Wald und hatte ein ſilbernes Pfeifchen; ſie blies einmal und ziſchte und raſchelte dann und alsbald kamen viele Vögel und wilde Thiere zuſammen. Sie nahm von jedem Vogel eine Feder, machte daraus ein Kleid und brachte es dem Knaben; dann führte ſie ihn zu den Thieren und ſprach: „jetzt gehe zum König, dieſe Thiere müſſen dir nachfolgen, dann ſage beim
) Statt der Katze erſcheint in andern Relationen dieſes Märchens der alte Mann im grauen Mantel, deßhalb iſt es in dieſe Reihe aufgenommen worden, wie im Märchen Nr. 9. „Die Hälfte von Allem“ ſtatt des alten Mannes in einer Relation eine alte Steingeis genannt wird; ich habe in beiden die beſſere Re— lation in den Text aufnehmen zu müſſen geglaubt.
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Eintritt: „Herr König, der Federkönig ſchickt euch dies Geſchenk!“ Alſo ging der Knabe in die Burg und ſagte, ſo wie ihn die Katze gelehrt hatte. Als der König die vielen Thiere ſah, freute er ſich und ſprach: „das muß ein reicher König ſein!“ Den folgenden Tag ſchickte die Katze den Knaben wieder mit vielen Thieren hin und er ſollte ſagen: „das iſt wieder ein Geſchenk vom Federkönig! und wenn der König ſich verwundere und ſage: „wie lieb wäre es mir, wenn ein ſo reicher König meine Tochter zur Frau nähme!“ Da ſolle er nur ſprechen: „ja das werde der Federkönig gerne thun und nach drei Tagen werde er kommen und Hochzeit halten.“ Alſo geſchah es, wie der Knabe in die Burg kam. Der König freute ſich über das neue Geſchenk und verwunderte ſich ſehr und ſagte, wie er ſo ſehr wünſche, daß ein ſo reicher König ſeine Tochter zur Frau nähme. Da antwortete der Kuabe, wie ihn die Katze gelehrt hatte, der Federkönig werde das gerne thun und nach drei Tagen kommen und Hochzeit halten. Als die Zeit um war, lief die Katze wieder in den Wald und blies auf dem ſilbernen Pfeifchen dreimal und ziſchelte und raſchelte dreimal nach Katzenart. Da kamen alle Vögel und wilden Thiere zuſammen und die Katze wählte jetzt die ſchönſten und farbigſten Federn und machte daraus einen Mantel, der glizerte und glänzte wie der Sternenhimmel, und gab ihn dem Knaben. Diesmal ging auch die Katze mit nach Hofe. Als ſie nicht weit vom Schloſſe waren, ſprach ſie zum Knaben: „jetzt wirf dein altes Federkleid fort, ich bringe dir gleich ſchöne Kleider aus dem Schloſſe; denn den Federmantel ſollſt du nur zum Schmuck gebrauchen.“ Damit lief fie ſchnell ins Schloß und rief: „nur ſchuell könig— liche Kleider her, der Federkönig kommt und iſt in einen Sumpf gefallen, er braucht friſche Kleider!“ Da gab der König ſeine beſten Kleider hin und die Katze lief damit und brachte ſie dem
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Knaben und kleidete ihn an. Alſo kam er jetzt in die Burg und ihm folgten alle Thiere nach. Wie er aber eintrat ins Schloß, legte er den Federmantel um, der glitzerte und glänzte, daß man es kaum aushalten konnte. Da freute ſich der König und die Königstochter über den reichen Bräutigam. Als aber die Hochzeit vorüber war, ſprach der König: „ich möchte doch gerne dein Land und deinen Pallaſt ſehen, ich fahre mit!“ Wie nun der Federkönig mit ſeiner jungen Frau im Wagen ſaß, ſah er immer auf ſeine ſchönen Kleider und nicht auf ſeine Frau. Das merkte die Katze, ſprang ihm in den Nacken und tſchack! kratzte ſie ihn einmal. „Siehe doch auf deine Frau!“ flüſterte ſie, „wenn du aber dich wieder vergiſſeſt und man dich fragt, warum du immer auf deine ſchönen Kleider ſchaueſt, jo ſage, du habeſt daheim viel ſchönere.“ Damit lief die Katze fort und war immer voraus. Der Federkönig jah ° bald wieder auf ſeine ſchönen Kleider. Da fragte ihn die junge Frau: „warum das?“ Er antwortete: „ich habe daheim viel ſchönere.“ Nun kam die Katze zu einer großen Schafs- heerde; ſie lief zum Hirten, ſprang ihm in den Nacken und tſchack! kratzte ſie ihn einmal, daß ihm das Blut floß. Wenn man dich fragt, wem dieſe Heerde gehöre, ſo ſprich: „dem Federkönig!“ ſonſt komme ich wieder und zerkratze dich ganz.“ Als nun der König und das junge Paar hinkamen, fragte der König den Hirten: „wem gehört denn die ſchoͤne Heerde?“ Der Hirt ſprach: „die gehört dem Federkönig,“ denn er wollte nicht noch einmal ſo gekratzt werden. „Ja die iſt mein,“ ſagte gleich der Knabe, denn er merkte, das habe die Katze ſo angeſtellt. Bald darauf kamen ſie zu einer großen Büffelheerde; die Katze war aber ſchon dageweſen und hatte den Hirten auch einmal gekratzt und ihm geſagt, wenn er nicht ſpreche, die Heerde gehöre dem Federkönig, jo werde fie ihn ganz zerkratzen.“ Deutſche Volksmärchen aus Siebenbürgen. 5
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As nun der König fragte: „wem gehört denn die ſchöne Heerde?“ ſo ſprach der Hirte: „na die gehört dem Federkönig,“ denn er wollte nicht noch einmal zerkratzt werden. „Ja die iſt mein,“ ſagte der Junge im Wagen und der König wunderte ſich ſehr und ſprach: „ich hätte doch nie geglaubt, daß du ſo reich wäreſt!“ Alſo kamen ſie auch zu einer Roßheerde, auch da war die Katze ſchon geweſen und hatte den Hirten gekratzt und ihm geſagt, wie er ſprechen müſſe, und als der König fragte: „wem gehört denn die große Roßheerde?“ ſo ſprach er: „na dem Federkönig!“ denn er wollte nicht noch einmal gekratzt werden. „Ja die iſt auch mein!“ ſagte der Junge im Wagen. „Jetzt glaube ich, daß du viel reicher biſt und auch daheim Alles viel ſchöner haben wirſt, als ich!“ ſprach der König. Bald gelangten ſie nun in das Schloß des Zauberers; da war Alles von Gold und Silber, Kryſtall und Edelſteinen, auf das ſchönſte geordnet und der Tiſch ſtand gedeckt; ſie ſetzten ſich gleich und aßen. Die Katze aber blieb vor der Thüre und hielt Wache. Nur einmal kam der Zauberer und polterte und lärmte: „Räuber in meinem Schloß, an meinem Tiſch! aha! wehe euch!“ Die Katze aber ſtand in der Thüre und ließ ihn nicht ein und ſprach: „ſo ſage mir nur erſt, biſt du wirklich der große Zauberer, für den man dich hält? Man erzählt, du könnteſt dich in was immer, in große und kleine Thiere ver— wandeln!“ „Ja, das iſt mir eine Kleinigkeit!“ ſprach er und verwandelte ſich gleich in einen Löwen. Da fürchtete ſich die Katze und ſprang aufs Dach. „Das iſt wohl gegangen!“ rief die Katze; nun aber möchte ich ſehen, ob du dich in ein kleines Thier, in eine Maus verwandeln kannſt, das iſt gewiß ſchwer und dir nicht möglich!“ Sogleich verwandelte ſich der Zauberer in eine Maus und im Nu ſprang die Katze vom Dache herunter auf die Maus und zerriß ſie. Nun rief ſie den Jungen aus
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dem Saal hinaus und ſprach: „meine Hilfe bedarfſt du nicht weiter, das Schloß und Alles was darin und darum iſt, und die großen Heerden, die du geſehen, ſind nun wirklich dein, denn ich habe den Zauberer, dem das Alles gehörte, umgebracht! Jetzt aber verlange ich von dir einen Dienſt; nimm dein Schwert und ſchlage mir das Haupt ab.“ Aber der Junge wollte nicht und ſprach: „wie könnte ich ſo undankbar ſein!“ „Wenn du es nicht gleich thuſt, ſo kratze ich dir die Augen aus!“ Da nahm er ein Schwert und auf einen Hieb flog das Haupt fort; aber ſiehe da ſtand nur einmal eine wunderſchöne Frau. Der Junge nahm ſie gleich an den Arm und führte ſie hinein an die Tafel und ſprach: „das iſt meine Mutter!“ Die Frau aber gefiel dem alten König ſehr und weil ſeine erſte Ge— mahlin geſtorben war, ſo nahm er ihre Hand und ſprach: „ſollen wir nicht auch die Hochzeit feiern?“ Sie war nicht dawider und ſo dauerte das Feſt noch acht Tage. Darauf zog der alte König mit ſeiner neuen Frau heim; der Junge aber mit der Königstochter blieb im Zauberſchloß und war reicher als ſieben Könige.
14. Lohn und Strafe.
In einem Dorfe lebten zwei Nachbarn, von denen hatte der eine hundert Schafe, der andere nur drei. Da ſprach der Arme zum Reichen: „laſſe doch meine Schafe bei deinen weiden, das wirſt du ja nicht ſpüren!“ denn er ſelbſt hatte keinen Weideplatz. Der Reiche wollte nicht recht, ließ es aber endlich zu; der Knabe des Armen trieb die drei Schafe aufs Feld zu den Schafen des Nachbarn und blieb da zur Hut.
Nach einiger Zeit geſchah es, daß der König zum reichen
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Manne ſchickte und von ihm ein fettes Schaf verlangte. Der Reiche konnte das dem König nicht abſchlagen, aber es fiel ihm doch auch zu ſchwer, von ſeinen hundert Schafen eines zu verlieren; drum befahl er ſeinen Knechten eines von den dreien des armen Mannes zu fangen und den Dienern des Königs zu übergeben. So thaten die Knechte; aber der Junge des Armen weinte ſehr, als man ſein Schaf fortſchleppte.
Bald darauf verlangte der König ein zweites Schaf vom reichen Mann; der befahl wieder ſeinen Knechten, man ſolle eines von denen des Armen geben. So geſchah es und der Junge weinte noch mehr, als man ſein zweites Schaf weg— führte. Er dachte aber bei ſich: „der König wird bald noch ein Schaf wollen und die Kuechte des reichen Nachbars werden dir auch das letzte nehmen; beſſer iſt es, du machſt dich damit bei Zeiten fort!“ So that er auch und zog weit weit weg auf ein hohes Gebirg; da war Weide genug und friſches
Waſſer und ſein Schaf hatte es gut.
Nach einigen Tagen ſprach der Arme bei ſich: „du willſt einmal hinausgehen und ſehen, was dein Junge und deine Schafe machen!“ Als er aber zur Heerde kam und die Knechte nach ſeinem Jungen fragte, ſagten ſie: „zwei von euren Schafen haben wir auf Befehl unſers Herrn dem König geſchickt; mit dem letzten iſt euer Junge fort in die Welt!“ Da jammerte der Arme und ſprach: „wo werde ich ihn nun finden?“ Er nahm ſich aber gleich auf und ging fort, um ihn zu ſuchen; doch ſah er lange keine Spur. Er fragte nun die Sonne, ob ſie ihm nicht Weg und Steg zeigen könne. Die wußte es leider nicht; endlich kam er zum Wirbelwind, der ſah ganz wild aus. Der Arme fragte ihn auch, ob er nicht wiſſe, wo ſein Sohn ſich aufhalte? „Ei freilich weiß ichs; ich ziehe eben hin und nehme dich mit!“ Indem hob ihn der Wirbel—
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wind auf und führte ihn im Nu aufs Gebirg zu feinen Sohn, der war in einem Thal, welches die Sonne nie beſchien. Der Arme freute ſich, als er ihn ſah, und hörte, wie er das Schaf gerettet habe. „Jetzt aber“ ſprach er, „wollen wir beide hier bleiben und darauf ſorgen, denn das iſt nun unſer ganzer Reichthum!“ 5 Nach einiger Zeit geſchah es, daß zwei Wanderer über das Gebirge herkamen und bei dem Armen anhielten und ſich lagerten; es war aber Chriſtus und Petrus. Da ſprach Chriſtus: „wir ſind weit gereiſt und müde und ſo hungrig, daß wir ſter— ben müſſen, wenn wir nicht bald ein wenig Fleiſch bekommen.“ Der Arme erbarmte ſich und ſprach ſogleich: „da kann ich helfen!“ Er ging ſchnell und brachte fein Schaf und ſchlach— tete es und machte ein Feuer an und briet davon ein gutes Stück für ſeine Gäſte, und das ſchmeckte dieſen auch ganz vor— trefflich. Nach dem Mahle ſprach Chriſtus zum Knaben des Armen, er ſolle nur die Knochen zuſammen leſen und alle ins Schafsfell legen. Das that der Junge und drauf legten ſie ſich mit einander zum Schlafen. Ganz früh aber ſtand Chriſtus mit Petrus auf, ſegneten den Armen mit ſeinem Jungen und zogen ſtill ab. Als der Arme mit ſeinem Jungen erwachte, ſah er um ſich eine große Heerde Schafe und vorn ſtand ſein Schaf, das er am Abend geſchlachtet hatte, ganz friſch und geſund und trug einen Zettel auf der Stirn; darauf ſtand: „alle gehören dem Armen und ſeinem Jungen!“ Drei Hunde ſprangen um ſie herum und thaten freundlich. Der Arme konnte ſeine Freude und ſein Glück nicht verborgen halten; er zog mit der Heerde heim. Da kam das ganze Dorf zuſammen, als er anlangte, um die vielen und ſchönen Schafe zu ſehen und der Arme mußte oft und oft erzählen, wie er durch die zwei armen Wanderer zu dem Glück gekommen ſei. Dein reichen
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Nachbar ließ aber der Neid keine Ruhe; er dachte bei ſich: „wenn das ſo iſt; ſo mußt du bald noch mehr bekommen!“ Er ging hinaus, ließ alle armen Wanderer und Bettler zu— ſammenrufen, ſchlachtete alle Schafe und briet ihnen das Fleiſch und ſetzte es ihnen vor. Dann legte er ſorgfältig alle Knochen zuſammen, in das Fell eines jeden Schafes diejenigen, die hin— gehörten und legte ſich dann nieder. Allein er konnte nicht ſchlafen, ſondern überrechnete in ſeinen Gedanken immerfort bis an den Morgen, wie viel Schafe er mehr haben müſſe, als ſein Nachbar, da er hundert geſchlachtet habe und jener nur eines. Als der neue Tag ſich entzündete, ſprang er auf und wollte die große Heerde überſehen. Aber da lagen noch alle Knochen im Fell und nichts regte und rührte ſich. „Ha,“ dachte er, „jetzt weißt du woran es hängt: die Wanderer und Bettler hätten ſchon fort ſein müſſen!“ „Auf ihr Lumpen, packt euch einmal!“ Aber die rührten ſich nicht, bis die Sonne hoch am Himmel ſtand und ſeine Schafe waren dahin und hatten ſich nicht verhundertfältigt. Nun jammerte und fluchte er, daß er um all ſein Gut gekommen war, ging hin und erſäufte ſich. Der Arme aber blieb reich und glücklich und man erzählt noch, ſein Junge habe jpäter die Königstochter geheirathet.
15. Der Wunderbaum.
Ein Hirtenknabe — ob es gerade der Sohn des armen Mannes war, den unſer Herr Chriſtus und Petrus geſegnet hatten, weiß ich nicht — erblickte eines Tages, als er die Schafe weidete, auf dem Felde einen Baum, der war ſo ſchön und groß, daß er lange Zeit voll Verwunderung daſtand und ihn anſah. Aber die Luſt trieb ihn hinzugehen und hinaufzu—
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ſteigen; das wurde ihm auch ſehr leicht, denn an dem Baume ſtanden die Zweige hervor, wie Sproſſen an einer Leiter. Er zog ſeine Schuhe aus und ſtieg und ſtieg in einem fort neun Tage lang. Siehe da kam er nur einmal in ein weites Feld; da waren viele Paläſte von lauter Kupfer und hinter den Pa— läſten war ein großer Wald mit kupfernen Bäumen und auf dem höchſten Baume ſaß ein kupferner Hahn; unter dem Baume war eine Quelle von flüſſigem Kupfer, die ſprudelte immerfort und das war das einzige Getöſe; ſonſt ſchien Alles wie todt und Niemand war zu ſehen und nichts regte und rührte ſich. Als der Knabe Alles geſehen, brach er ſich ein Zweiglein von einem Baum und weil ſeine Füße vom langen Steigen müde waren, wollte er ſie in der Quelle erfriſchen. Er tauchte ſie ein und wie er ſie herauszog, ſo waren ſie mit blankem Kupfer überzogen; er kehrte ſchuell zurück zum großen Baum, der reichte aber noch hoch in die Wolken und kein Ende war zu ſehen. „Da oben muß es noch ſchöner ſein!“ dachte er und ſtieg nun abermals neun Tage aufwärts, ohne daß er müde wurde und ſiehe da kam er in ein offenes Feld, da waren auch viele Paläſte, aber von lautem Silber und hinter den Paläſten war ein großer Wald mit ſilbernen Bäumen und auf dem höchſten Baum ſaß ein ſilberner Hahn; unter dem Baum war eine Quelle mit flüſſigem Silber, die ſprudelte immerfort und das war das einzige Getöfe, ſonſt lag Alles wie todt und Niemand war zu ſehen und nichts regte und rührte ſich. Als aber der Knabe Alles geſehen hatte, brach er ſich ein Zweiglein von einem Baum und wollte ſich aus der Quelle die Hände waſchen; wie er ſie aber herauszog, waren ſie von blinkendem Silber überzogen. Er kehrte ſchnell zurück zum großen Baum, der reichte noch immer hoch in die Wolken und es war noch kein Ende zu ſehen. „Da oben muß es noch ſchöner ſein!“
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dachte er und ſtieg abermals neun Tage aufwärts und ſiehe da war er im Wipfel des Baumes und es öffnete ſich ein weites Feld; drauf ſtanden lauter goldne Paläſte und hinter den Paläſten war ein großer Wald mit goldnen Bäumen und auf dem höchſten Baum ſaß ein goldner Hahn; unter dem Hahn war eine Quelle mit flüſſigem Golde, die ſprudelte immerfort und das war das einzige Getöſe; ſonſt lag Alles wie todt und Niemand war zu ſehen und nichts regte und rührte ſich. Als der Knabe Alles geſehen hatte, brach er ſich ein Zweiglein von einem Baum, nahm ſeinen Hut ab, bückte ſich über die Quelle und ließ ſeine Haare ins ſprudelnde Gold hineinfallen. Als er fie aber herauszog, waren fie übergoldet. Er ſetzte ſeinen Hut auf und wie er Alles geſehen hatte, kehrte er zurück zum großen Baum und ſtieg nun in einem fort wie: der hinunter und wurde gar nicht müde. Als er auf der Erde ‚angelangt war, zog er ſeine Schuhe an und ſuchte ſeine Schafe; doch er ſah von ihnen keine Spur. In weiter Ferne aber er- blickte er eine große Stadt; jetzt merkte er, daß er in einem zandern Lande ſei. Was war zu thun? Er entſchloß ſich hineinzugehen und ſich dort einen Dienſt zu ſuchen. Zuvor jedoch verſteckte er die drei Zweiglein in ſeinen Mantel und aus dem Zipfel deſſelben machte er ſich Handſchuhe, um ſeine ſilbrigen Hände zu verbergen. Als er in der Stadt ankam, ſuchte der Koch des Königs gerade einen Küchenjungen und konnte keinen finden; indem kam ihm der Knabe zu Geſicht. Er fragte ihn, ob er um guten Lohn Dienſte bei ihm nehmen wolle? Der Junge war das zufrieden unter einer Bedingung: er ſolle den Hut, den Mantel, die Handſchuhe und die Stiefel nie ablegen müſſen, denn er habe einen böfen Grind und müßte ſich ſchämen. Das war dem doch nicht ganz recht; allein weil er ſonſt Niemanden bekommen konnte, mußte er einwilligen.
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Er gedachte bei ſich: „Du kannſt ihn ja immer nur in der Küche verwenden, daß Niemand ihn ſieht.“ Das währte ſo eine Zeit lang; der Junge war ſehr fleißig und that alle Geſchäfte, die ihm der Koch auftrug jo pünktlich, daß ihn dieſer ſehr lieb gewann. Da geſchah es, daß wieder einmal Ritter und Gra- fen erſchienen waren, die es unternehmen wollten, auf den Glasberg zu ſteigen, um der ſchönen Tochter des Königs, die oben ſaß, die Hand zu reichen und ſie dadurch zu erwerben. Viele hatten es bisher vergebens verſucht; ſie waren alle noch weit vom Ziele ausgeglitſcht und hatten zum Theil den Hals gebrochen. Der Küchenjunge bat den Koch, daß er ihm erlau- ben möchte, von Ferne zuzuſehen. Der Koch wollte es ihm nicht abſchlagen, weil er ſo treu und fleißig war und ſagte nur: „Du ſollſt dich aber verſteckt halten, daß man dich nicht ſieht!“ Das verſprach der Junge und eilte in die Nähe des Glasberges. Da ſtanden ſchon die Ritter und Grafen in vol» ler Rüſtung mit Eiſenſchuhen und ſie fingen bald an, der Reihe nach hinaufzuſteigen; allein keiner gelangte auch nur bis in die Mitte, fie ſtürzten alle herab und manche blieben todt lie- gen. Da dachte der Knabe bei ſich, wie wäre es, wenn du auch verſuchteſt. Er legte ſogleich Hut und Mantel und Hand- ſchuhe ab, zog ſeine Stiefel aus und nahm den kupfernen Zweig in die Hand und ehe ihn Jemand bemerkt hatte, war er durch die Menge gedrungen und ſtand am Berge; die Ritter und Grafen wichen zurück und ſahen und ſtaunten; der Knabe aber ſchritt ſogleich den Berg hinan ohne Furcht und das Glas gab unter ſeinen Füßen nach wie Wachs und ließ ihn nicht aus⸗ gleiten. Als er nun oben war, reichte er der Königstochter demüthig das kupferne Zweiglein, kehrte drauf ſogleich um, ſtieg hinab feſt und ſicher und ehe ſich's die Menge verſah, war er verſchwunden. Er eilte in ſein Verſteck, legte ſeine Sachen
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an und war ſchnell in der Küche. Bald kam auch der Koch und erzählte ſeinem Jungen die Wunderdinge von dem ſchönen Jüngling mit den kupfernen Füßen, den filbernen Händen und den goldnen Haaren und wie er den Glasberg erſtiegen und ein kupfernes Zweiglein der Königstochter gereicht habe und wie er dann wieder verſchwunden ſei; dann fragte er den Jun⸗ gen, ob er das auch geſehen habe? Der Junge ſagte: „nein, das habe ich nicht geſehen, das war ich ja ſelbſt!“ Aber der Koch lachte über den dummen Einfall und erwiderte im Scherz: „na da müßte ich dann auch ein großer Herr werden!“
Am andern Tage wollten es mehrere Ritter und Grafen wieder verſuchen und verſammelten ſich vor dem Glasberg. Der Junge bat den Koch abermals, er möchte ihm erlauben aus der Ferne zuzuſehen. Der Koch konnte es ihm nicht ab— ſchlagen, und ſagte nur: „du ſollſt dich aber verſteckt halten, daß Niemand dich ſieht!“ Das verſprach der Junge und eilte an ſeinen geſtrigen Platz. Die Ritter fingen an, hinaufzu— ſteigen, allein vergebens; ſie ſtürzten alle herab und mehrere blieben todt. Der Junge zögerte nicht länger und verſuchte zum zweitenmal. Er hatte ſchnell ſeine Kleider abgelegt; er nahm das ſilberne Zweiglein und ſchritt, ehe man es merken konnte, woher er kam, durch die Menge und Alles wich vor ihm zurück und er ging ruhig und ſicher den Glasberg hinan und das Glas gab nach wie Wachs und zeigte die Spuren, und wie er oben war, überreichte er demüthig der Königstochter das Zweiglein; gerne hätte ſie auch ſeine Hand gefaßt; er aber kehrte gleich zurück und ſchritt hinab und war in der Menge auf einmal verſchwunden. Er warf ſeine Kleider um und eilte nach Hauſe. Bald kam auch der Koch und erzählte wieder von den Wunderdingen, von dem ſchönen Jüngling mit den kupfernen Füßen, den ſilbernen Händen, den goldenen Haaren
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und wie er hinangeſtiegen, der Königstochter ein filbernes Zweiglein gereicht, wie er herabgekommen und verſchwunden ſei. Er fragte ſeinen Jungen, ob er das nicht geſehen? Der Junge ſagte: „nein, das habe ich nicht geſehen, das war ich ſelbſt!“ Der Koch lachte wieder recht herzlich und ſagte im Scherz: „da müßte ich auch ein großer Herr werden!“
Am dritten Tage wollten einige Ritter und Grafen noch einmal es verſuchen und verſammelten ſich vor dem Glasberg. Der Junge bat den Koch wieder, er möchte ihm erlauben, aus der Ferne zuzuſehen. Der Koch wollte ihms nicht abſchlagen und ſagte nur: „du ſollſt dich aber verſteckt halten, daß Nie— mand dich ſieht!“ Das verſprach der Junge und eilte ſogleich an ſeinen Platz. Die Ritter und Grafen verſuchtens, aber umſonſt; fie ſtürzten alle herab und mehrere blieben todt Liegen. Der Knabe dachte: „noch einmal willſt du es auch verſuchen;“ er warf ſeine Kleider von ſich, nahm das goldene Zweiglein und eilte, noch ehe mans merken konnte, woher er kam, durch die Menge bis zum Glasberg; Alles wich vor ihm zurück. Da ſchritt er feſt und ſicher hinan und das Glas gab nach, wie Wachs und zeigte die Spuren und als er oben war, über— reichte er demüthig das Goldzweiglein der Königstochter und bot ihr die rechte Hand; ſie ergriff ſie mit Freuden und wäre gern mit ihm den Berg hinabgeſtiegen. Der Junge aber machte ſich frei und ſtieg allein hinunter und war wieder ſchnell unter der Menge verſchwunden. Er legte ſeine Kleider an und eilte zurück an ſeinen Platz in die Küche. Als der Koch nach Hauſe kam, erzählte er von den Wunderdingen, von dem ſchönen Jungen mit den kupfernen Füßen, den ſilbernen Händen, den goldnen Haaren und wie er zum drittenmal den Glasberg er— ſtiegen, der Königstochter ein goldnes Zweiglein gereicht und ihr die Hand geboten habe, wie er aber allein wieder herab—
76 geftiegen und unter der Menge verſchwunden ſei; er fragte ihn, ob er das nicht geſehen hätte? Der Junge ſagte wieder: „nein, das habe ich nicht geſehen, das war ich ſelbſt!“ Der Koch lachte wieder über den dummen Einfall und ſprach: „da müßte ich auch ein großer Herr werden!“ Der König aber und die Königstochter waren ſehr traurig, daß der ſchöne Junge nicht erſcheinen wollte. Da ließ der König ein Gebot aus— gehen, daß alle jungen Burſchen aus ſeinem Reiche baarfüßig und bloshäuptig und ohne Handſchuhe vor dem König der Reihe nach vorüber gehen und ſich zeigen ſollten. Sie kamen und gingen, aber der rechte, nach dem man ſuchte, war nicht unter ihnen. Der König ließ darauf fragen, ob ſonſt kein Junge mehr im Reich wäre? Der Koch ging ſofort zum König und ſprach: „Herr, ich habe noch einen Küchenjungen bei mir, der mir treu und redlich dient; der iſt es aber gewiß nicht, nach dem ihr ſucht; denn der hat einen böſen Grind und er trat nur unter der Bedingung zu mir in den Dienſt, daß er Handſchuhe, Mantel, Hut und Stiefel nie ablegen dürfe. Der König aber wollte ſich überzeugen und die Königstochter freute ſich im Stillen und dachte: „ja der könnte es ſein!“ Der Koch mußte da bleiben; ein Diener brachte den Küchenjungen hinein, der ſah aber ganz ſchmutzig aus. Der König fragte: „biſt du es, der dreimal den Glasberg erſtiegen hat?“ „Ja, das bin ich!“ ſprach der Junge, „und ich habe es auch meinem Herrn immer geſagt!“ Der Koch fühlte bei dieſen Worten den Boden nicht unter ſeinen Füßen und die Rede blieb ihm eine Zeit lang ſtehen; endlich ſagte er: „aber wie kannſt du hier ſo reden?“ Der Koͤnig achtete indeß nicht darauf, ſondern ſprach gleich zum Jungen: „wohlan entblöße dein Haupt, deine Hände und Füße!“ Alsbald warf der Junge ſeine Kleider ab und ſtand da in voller Schönheit und reichte der Jungfrau
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die Hand und ſie drückte ſie und war über die Maßen froh; es wurde die Hochzeit gefeiert und nicht lange darauf übergab der König das Reich dem Jungen.
„Glaubſt du nun, daß ich es war, der dreimal den Glas— berg erſtiegen?“ ſprach der Junge zum Koch. „Was ſollt' ich denn glauben, wenn ich das nicht glaubte!“ ſprach der Koch, und bat um Verzeihung. „Nun ſo ſollſt du auch ein großer Herr werden, wie du hoffteſt und über alle Köche im Reich die Aufſicht führen!“
Die junge Königin aber hätte gar zu gerne gewußt, wo— her ihr Gemahl die drei Zweiglein und die kupfernen Füße, die ſilbernen Hände und das goldige Haar habe. „Das will ich dir mein Kind nun ſagen!“ ſprach der junge König eines Tages, „und du ſollſt auch ſelbſt ſehen wie das zugegangen!“ Er wollte mit ihr noch einmal auf den Wunderbaum ſteigen und die Herrlichkeit ihr zeigen; allein, als er an die Stätte kam, ſo war der Baum verſchwunden und kein Menſch hat weiter davon etwas gehört und geſehen.
16. Eiſenhans.
Es war einmal ein Paar Eheleute, die hatten keine Kin- der und der Mann klagte das ſeiner Frau und ſprach, warum daß ſie ihm keine Kinder gebäre. „Lieber Mann, du biſt ein Schmied,“ ſagte die Frau, „du kannſt dir ja ein Kind ſchmie⸗ den, wenn du gerade eines haben willſt!“ Das ließ ſich der Mann nicht zweimal ſagen; er nahm zehn Zentner Eiſen und ſchmiedete aus ſieben Zentnern ſich einen kleinen Sohn, aus drei Zentnern machte er eine Geißel, die gab er ihm in die Hand und ſiehe der Knabe war friſch und geſund und ging munter
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einher. Da freute ſich ſein Vater und auch feine Mutter ließ ſich den feſten Kerl gefallen und ſie nannten ihn Eiſenhans. Aber bald, wie er etwas wuchs, wurde er ihuen läſtig und zuviel, denn er aß ihnen Alles fort und wurde doch nie ſatt; ſeine Mutter mußte immer in einem großen Keſſel kochen. Als er nun zu einem Jüngling herangewachſen war, konnten ſie es nicht mehr aushalten und ſie ſprachen unter einander: „wenn der noch acht Tage bei uns bleibt, ſo frißt er uns ganz auf mit Haus und Hof.“ Drum ſagten ſie ihm, er ſei jetzt groß und ſtark genug, er ſolle dienen gehen. Eiſenhaus war froh, daß er die Welt ſehen ſollte, nahm ſeine Peitſche und ging. Da kam er Abends in ein Dorf und ging gerade vor das Pfarrhaus, nahm ſeine Geißel und peitſchte ſo ſtark, daß alle Katzen zuſammenliefen; er peitſchte noch einmal und noch einmal hinter einander ſo ſehr, daß die Knechte und Dienſt— mägde herauskamen und der Pfarrer ins Fenſter lief, um zu ſehen, was es gebe. Da fragte er, ob man ihn nicht als Knecht aufnehmen wolle. Weil er ſo derb ausſah, dachte der Pfarrer, „der iſt wohl zu brauchen; du haſt zwar ſchon zwölf Knechte, aber wo Zwölf eſſen, kann auch der Dreizehnte miteſſen.“ „Komme herein!“ rief er laut, „ich nehme dich an!“ Die Knechte, die im Felde den Tag über ſchwer gearbeitet hatten und ſehr hungrig waren, traten eben zur Schüſſel und der neue Knecht wurde auch an den Tiſch geſetzt; er aß aber mehr, als alle Zwölf zuſammen und die Schüſſel war gleich leer und jene blieben hungrig. „Wenn er auch ſo arbeitet, als er ißt, ſo iſt es recht,“ dachte der Pfarrer. Den andern Tag ſtanden die zwölf Knechte, wie gewöhnlich früh auf und gingen ins Heu. Der Eiſenhans aber ſchlief bis Mittag und als man den Mägden das Eſſen auf den Tiſch ſetzte, ſtand er auf und aß mit und in Kurzem war die Schüſſel geleert. Den
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Knechten hatte man eben das Eſſen hinausgeſchickt, da machte er ſich auf und ging auch ins Feld und aß auch denen Alles fort, dann legte er ſich nieder und ſchlief. Die Knechte aber verdroß das und ſie ſprachen unter einander: „der ißt uns Alles fort und thut gar nichts, kommt wir wecken ihn auf, er ſoll auch arbeiten.“ Da kamen ſie über ihn mit Reiſern und fuhren ihm damit übers Geſicht; er wehrte anfangs mit der Hand ab und glaubte es ſeien Ochſenfliegen, die ihn bießen; endlich da es zu arg wurde, erwachte er. Da ſprang er auf und packte alle Zwölf jeden an einen Fuß und ſprach: „jetzt will ich gleich arbeiten!“ Da kehrte er mit ihnen, indem ſie mit den Händen auf dem Boden herumkrabbelten, das Heu von der ganzen Wieſe zuſammen. Als er fertig war, ließ er ſie los und ſogleich eilten ſie mit blutigen Händen und viele hinkend nach Hauſe und klagten ihrem Herrn. Der Pfarrer ſchlug die Hände zuſammen, als er hörte, was der Eiſenhans gethan, aber er getraute ſich nicht, den Knecht zur Rede zu ſetzen.
Den andern Tag fuhren die Zwölf ganz früh in den Wald nach Holz; der Eiſenhans ſchlief abermals bis gegen Mittag. Als er aufſtand, aß er wieder zuerſt den Mägden Alles weg; dann ſpannte er die vier letzten Ochſen an und fuhr auch in den Wald. Es war aber an einer Stelle eine ſo große Kothlake, daß der Wagen ſammt den Ochſen ſtecken blieb. Doch Eiſenhans bedachte ſich nicht lange, er packte den Wagen ſammt den Ochſen und hob ſie hinaus. Wie er nun in den Wald hineinfuhr, kam nur einmal ein fürchterlicher Wolf und ſchrie: „jetzt freſſe ich dir einen Ochſen!“ „Meinet— wegen, aber dann mußt du ziehen, das ſage ich dir!“ ſprach Eiſenhans. Kaum hatte der Wolf den Ochſen niedergeriſſen, ſo packte ihn Eiſenhans am Genick und ſpannte ihn ein.
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Nach kurzer Zeit kam ein dreibeiniger Haſe und rief ebenfalls: „ich freſſe dir einen Ochſen!“ „Gut, dann mußt du ziehen!“ und wie der Haſe den Ochſen niedergeriſſen, packte ihn Eiſen⸗ hans und ſpannte ihn neben den Wolf. Nicht lange ſo kam der Teufel und ſprach: „jetzt zerbreche ich dir die Achſe!“ „Es iſt mir recht,“ ſagte Eiſenhans, „aber dann mache ich dich zur Achſe!“ Der Teufel dachte, das ſei ja nur ſo geredet; kaum hatte er jedoch die Achſe zerbrochen, fo packte ihn Eiſenhans am Kragen und machte ihn zur Achſe. Seine zwölf Mitknechte hatten ihren Wagen ſchon alle beladen und fuhren heim. Da rief er ihnen zu: „ich werde doch eher nach Hauſe kommen, als ihr und hundertmal mehr Holz führen, als ihr alle zu. ſammen. Sie aber lachten und fuhren weiter. Er band nun den halben Wald auf und um den Wagen hinter die beiden Ochſen, hinter den Wolf und Haſen und dem Teufel aufs Genick und kehrte heimwärts. Als er aus dem Wald hinaus fuhr, ſo ſah er die zwölf Wagen, wie er ſichs gedacht hatte, noch im Kothe ſtecken. Er nahm jetzt ſein Holz ſammt dem Geſpann auf ſeinen Nacken und trug ſie über die ſchlechte Stelle hinüber; dann hob er auch die andern Wagen hinaus; ſie mußten aber hinter ihm fahren. Als er ins Dorf kam, knallte er mit ſeiner eiſernen Geißel und rief: hi wülf, tschä hös! dräg deuwel un der ös!
Da kamen alle Leute herbei und ſahen den jonderbaren Aufzug, den Wolf und den Haſen vorn, dann die beiden Ochſen, dann den Teufel als Achſe und auf und um den Wagen den halben Wald, wie er nachgeſchleppt wurde. Als der Pfarrer ihn kommen ſah, ſo wurde er doch auch ängſtig und dachte: „der iſt dir gefährlich, du mußt ihm auf eine Art Chriſttag machen.“ Der Eiſenhans löſte ſein Geſpann ab, band den
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Wolf und Haſen neben die Ochſen an die Krippe und ſie mußten auch Heu freſſen. Den Teufel band er los, verſetzte ihm noch eins mit ſeiner Geißel und ließ ihn dann laufen; der rannte hinkend und heulend in einem fort bis in die Hölle.
Den andern Tag ließ der Pfarrer den Eiſenhans vor ſich kommen und ſagte, die Teufel hätten ihm eine Tochter geraubt; wenn er ſie ihm heimbrächte; ſo wollte er ihm einen Sack voll Geld geben, wie er ihn nur tragen könnte. Der Pfarrer aber wollte nur auf eine gute Art den Knecht los werden, bei ſich dachte er: „der kommt dir nicht wieder.“ Eiſenhans war froh; denn er hatte viel von der Hölle gehört und wollte fi) einmal die Gelegenheit beſehen; er nahm ſeine Geißel und machte ſich auf den Weg. Als er vors Höllenthor ankam, knallte er einmal mit ſeiner Geißel und rief: „macht mir auf!“ Da entſetzten ſich die Teufel und liefen zuſammeu und fragten einander, wer das wohl wäre? Da ſah der Hinkende durch die Thorritze und erblickte den Fremden. „Wehe uns, es iſt der Eiſenhans“ und lief in den dunkelſten Winkel der Hölle und die andern liefen ihm nach. Dem Eiſenhans ward endlich die Zeit draußen zu lang, er ſtieß das Höllenthor ein und das krachte fürchterlich im Fall. In der ganzen Hölle war aber Niemand zu ſehen, als die Verdammten, die an Pflöcken angebunden lagen. Eiſen⸗ hans machte ſie alle frei. „Wenn ich doch nur die Tochter des Pfarrers fände!“ ſeufzte er. „Die iſt in jenem dunkeln Winkel!“ riefen einige Verdammten und liefen dann fröhlich zum offnen Höllenthor hinaus. Eiſenhans fand ſie, machte ſie frei und führte ſie hinaus. Dann hob er das Höllenthor wieder auf und verriegelte und verrammelte es von Außen, daß kein Teufel herauskommen könne, nahm darauf die Pfarrers— tochter auf ſeine Schultern und zog heimwärts. Der Pfarrer
lag gerade im Fenſter als er ankam und entſetzte ſich nicht Deutſche Volksmärchen aus Siebenbürgen. 6
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wenig, als er nur einmal den Eiſenhans erblickte. Der aber ſprach: „das iſt eure Tochter,“ nahm ſie von ſeinen Schultern und ſetzte ſie durchs Fenſter ins Zimmer. „Nun gieb mir das verſprochene Geld, aber einen Sack voll als ich ihn tragen kann, ſonſt geht es euch ſchlecht!“ Eiſenhans nahm hundert Ellen Leinwand und rief ſieben Schneider herbei, die mußten ihm gleich einen Sack machen, den trug er dann zum Pfarrer und ſprach: „den füllt mir!“ Der Pfarrer ließ all ſein Korn hineinſchütten und machte ihn voll, oben aber legte er all ſein Geld. Eiſenhans merkte das nicht, war zufrieden, nahm den Sack auf eine Schulter und ging nach Hauſe. „Da bringe ich euch etwas zum Geſchenk!“ ſagte er zu ſeinem Vater und zu ſeiner Mutter, „ihr ſollt mich nicht umſonſt gefüttert haben!“ Damit warf er den Sack zu Boden, nahm ſeine Geißel und ging wieder in die Welt; die Alten aber hatten mit dem Korn und Geld ihr Lebtag genug.
17. Der ſtarke Hans.
Einem Mann ſtarb ſeine Frau und hinterließ ihm drei Töchter; da nahm er ſich eine andere Frau, die gebar ihm auch einen Sohn und den nannten ſie Hans und dieſen hatte die Mutter ſo lieb, daß ſie ihn ſieben Jahre immerfort ſäugte. Das wurde dem Manne endlich zu viel und als ſie ihn eines Tages ſäugte, ſprach er im Aerger: „ei daß du eine Kuh wäreſt!“ Alsbald war ſie eine Kuh und er ſchickte nun ſeinen kleinen Sohn jeden Tag mit ſeiner Mutter auf die Weide und das war dieſem recht, denn er ſaugte nun fort den ganzen Tag. Sein Vater gab ihm, wenn er Morgens ausging, einen Kuchen aus Aſche mit, aber den warf der Knabe jedesmal fort. Als
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der Junge in Kurzem ſehr groß und ſtark wurde, wunderte ſich der Vater und er dachte, das kann doch nicht vom Aſchkuchen kommen, und er ſagte zu ſeiner jüngſten Tochter: „gehe mit deinem Bruder heute mit und ſiehe zu, was er den Tag über macht.“ Als ſie in das Feld kamen, warf Hans ſein Brot fort. Seine Schweſter fragte ihn: „was willſt du jetzt eſſen?“ Da ſagte Hans: „ich lebe vom Winde!“ Er hatte aber ein Fläſchchen bei ſich, wer daraus trank, der verfiel ſogleich in einen feſten Schlaf. So wie er nun hungrig wurde, ſo ſagte er zu ſeiner Schweſter: „komm und trinke einmal aus meinem Fläſchchen!“ Sie that es und ſchlief alsbald ein. Da ging Hans zu ſeiner Mutter und ſog an ihr bis zum Abend. Als ſie nach Hauſe kamen, fragte der Vater ſeine Tochter: „was hat Hans heute gethan?“ Da ſprach ſie: „als wir hinaus in das Feld kamen, ſo warf er ſein Brot fort und als ich ihn fragte, was er eſſen wollte, ſagte er: „ich lebe vom Winde!“ Am andern Morgen ſchickte der Mann ſeine ältere Tochter mit; dieſer ging es, wie der erſten und ſie konnte ihrem Vater auch nichts mehr ſagen. Am dritten Tag ſagte der Mann zu ſei— ner älteſten Tochter: „gehe du heute mit und gib gut Acht, was dein Bruder thut.“ Als ſie ins Feld kamen, warf Hans ſeinen Aſchkuchen fort und rief: „ſolche Speiſe kann ich nicht brauchen!“ „Wovon lebſt du denn?“ fragte ihn die Schweſter. „Du haſt es ja gehört, daß ich vom Winde lebe!“ Da lächelte ſie und dachte bei ſich: „warte du wirſt mich nicht betrügen!“ Wie er wieder hungrig ward, gab er ſeiner älteſten Schweſter aus dem Fläſchchen zu trinken. Sie verfiel ſogleich in Schlaf; allein ſie hatte im Nacken noch zwei geheime Augen, die blie— ben immer offen, und wenn jene zwei auf der Stirne ſchliefen, ſah ſie mit dieſen Alles, was um ſie vorging. Hans ging
wieder zu ſeiner Mutter und ſog, wie bisher. Als ſie nun 6 *
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Abends nach Hauſe kamen und der Vater ſeine Tochter fragte: „hat dein Bruder heute auch vom Winde gelebt?“ ſagte ſie: „nein“ und erzählte, was vorgegangen war. Da wurde der Mann zornig und ſprach zu Hans: „weil du immerfort ge⸗ ſogen und mich und deine Schweſtern hintergangen haſt, ſollſt du morgen mit der Kuh ſterben!“ Da ward der Kuabe trau- rig, ging in den Stall zu ſeiner Mutter und klagte ihr die Noth. „Fürchte dich nicht mein Kind,“ ſprach ſie, „komme nur bevor der Tag anbricht zu mir!“ Als er zur beſtimmten Zeit kam und ſie los band, nahm ſie ihn zwiſchen ihre Hörner und lief weit weit weg in einen einſamen Wald, ſo daß man nichts von ihnen hören konnte. Hier ſog er noch fort, bis wieder ſieben Jahre voll waren, dann ſprach ſeine Mutter zu ihm: „gehe hin und reiße die dickſte Eiche aus und ſtelle ſie auf die Spitze.“ Er ging und riß ſie aus, aber mit der Spitze konnte er ſie nicht auf den Boden ſtellen. Da ſagte ſeine Mutter: „du mußt noch ſieben Jahre ſaugen!“ Als dieſe um waren, ſprach fie zu ihrem Sohne: „jetzt haft du dreimal fie- ben Jahre geſogen, gehe nun wieder hin und verſuche es mit der dickſten Eiche!“ Hans ging und riß die dickſte Eiche aus, als wäre es eine Gerte, die man in den Erdboden geſteckt und ſtellte ſie leicht auf die Spitze. „So iſt es recht!“ ſprach die Mutter, „nun kannſt du für dich ſelber ſorgen, gehe jetzt aus in die große Welt!“ Da lief die Kuh fort und Hans machte ſich aus der Eiche eine Keule und wanderte hinaus in die Welt. Wie er ſo ein Stück gegangen war, wurde er ſehr dur— ſtig; da ſah er zwiſchen zwei Bergen ein kleines Flüßchen her— vorkommen. Er ging hin, um zu trinken. Oben auf dem Berge ſaß aber ein dicker Mann, der zerrieb Steine, alſo, daß das Waſſer ganz trüb wurde. Hans rief hinauf: „heda, nicht trübe mir das Waſſer, ſonſt komme ich hinauf und dann wehe dir!“
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Jener aber lachte, rieb noch ärger und rief: „ich bin der Stein⸗ zerreiber, ich möchte dich wohl auch zu Staub zerreiben!“ Da ward Hans zornig, lief hinauf und ſchlug ihn bis unter die Achſel in den Erdboden. „Laſſe mich leben, ich will dein Knecht ſein,“ flehte der Steinzerreiber. „Es iſt mir recht!“ ſprach Hans, zog ihn wieder heraus und ſie gingen mit ein⸗ ander weiter. Sie kamen in einen Wald und ſahen da einen langen, baumhohen Mann, welcher die krummen Bäume gerade und die geraden krumm machte. Da drohte ihm Hans und ſprach: „laſſe die Bäume gleich, ſo wie ſie gewachſen ſind, ſonſt wehe dir!“ Aber der Langmann lachte, fuhr fort in ſeinem Geſchäft und rief: „ich bin der Baumdreher, dir möchte ich wohl auch den Hals umdrehen!“ Da ward Hans zornig, ging hin und ſchlug ihn auf den Boden, daß es ſo krachte, als hätte der Sturm eine mächtige Eiche niedergeſchmettert. Der Langmann bat um ſein Leben und ſagte, er wolle ſein Knecht ſein; da zog ihn Hans heraus und ſie gingen mit einander weiter. Nach einigen Tagen trafen ſie im Wald ein kleines Haus, aber kein Menſch war drinnen. Da ſprach Haus: „hier wollen wir wohnen und während zwei auf die Jagd gehen, ſoll einer zu Hauſe bleiben und etwas kochen.“ Am erſten Tage blieb der Steinzerreiber zu Hauſe. Wie er nun das Eſſen zu⸗ bereitete, kam nur einmal ein kleiner Mann mit einem ſieben Ellen langen Bart hinein und jammerte: „ach, wie friere ich!“ „Nun ſo komm und wärme dich!“ ſprach der Steinzerreiber. Der kleine Mann ging zum Heerde, ſtieß aber ſogleich den Topf um und lief dann hurtig fort. Als die beiden andern hungrig nach Hauſe kamen und Eſſen verlangten, erzählte der Knecht, wie es ihm gegangen ſei. Hans aber war zornig, nahm ſeine Keule und ſchlug auf den Knecht, bis ihm der Hunger verging. Am folgenden Tage blieb der Baumdreher zu Hauſe
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und es ging ihm wie dem Steinzerreiber. Der kleine Mann kam wieder, ſtieß den Topf um und lief dann hurtig fort und als die beiden hungrig nach Hauſe kamen und nichts fanden, ſo ſchlug Hans den Knecht ebenfalls mit ſeiner Keule, bis ihm der Hunger verging. Am dritten Tag ſagte Hans: „jetzt will ich zu Hauſe bleiben!“ Der kleine Mann kam wieder und jammerte: „ach wie friere ich;“ „ſo komm und wärme dich,“ ſprach Hans; er ſetzte ſich aber neben den Topf und achtete auf den Kleinen. Wie dieſer den Topf wieder umſtoßen wollte, ſo packte ihn Hans ſchnell am Bart, nahm den Löffel und ſchlug ihn aufs Maul und aufs Kreuz, daß er ganz ſtumm und träge wurde; dann trug er ihn hinaus und umwand ſei— nen Bart um einen Baum und vernagelte ihn. Darauf machte er in der Stube das Eſſen fertig. Als die andern nach Hauſe kamen, freuten ſie ſich, wie ſie nun den Hans auch unter den Prügel nehmen ſollten; allein ſie fanden das Eſſen fertig und ſo mußten ſie ruhig ſein. Als ſie gegeſſen hatten, ſprach Hans: „jetzt kommt und ſeht den kleinen Mann, der euch den Topf umgeſtoßen, ich habe ihn draußen an einen Baum gebunden!“ Als ſie aber hinauskamen, war der Kleine ſammt dem Baum verſchwunden; doch war, wo der Baum geſtanden, ein großes Loch. „Warte,“ ſprach Hans, „ich will dich ſchon finden!“ Da machten ſie ein langes Seil aus Baumrinde und ſie ließen den Hans hinunter; das dauerte aber dreimal ſieben Tage, bis er auf den Grund gelangte, und da war erſt noch ein langer dunkler Gang; endlich wurde es wieder hell und ein neuer Himmel that ſich hier auf. Haus ſah einen großen Pallaſt und ging hin. Da fand er in dem innerſten Zimmer drei ſchöne Königstochter, die immerfort klagten und weinten. Als ſie den ſtarken Hans erblickten, ſprachen ſie: „du armes Menſchenkind, wie kommſt du hieher? Unſer Herr iſt ein
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Drache mit zwölf Häuptern, wenn er dich hier trifft, jo biſt du verloren!“ „Ich fürchte mich nicht!“ ſprach Hans, „käme er nur bald, ich werde mit ihm ſchon fertig werden!“ Nur einmal kam der Drache und ſchnaubte Wuth und Feuer: „ich rieche Menſchenfleiſch!“ „Du haft einen feinen Geruch, ab— ſcheuliches Ungethüm!“ rief Hans und ſprang hervor auf den Drachen los, umfaßte ihm alle Häupter und erwürgte ihn, den zappelnden Leib und Schwanz aber ſchlug er mit ſeiner Keule nieder, daß er ſich nicht mehr regte und rührte. Da waren die Königstöchter froh und erzählten, wie ſie entführt worden ſeien, dankten dem ſtarken Hans und baten ihn, er ſolle ſie jetzt auch hinaus auf die Oberwelt führen. Hans ging aber zuerſt in alle Zimmer und beſah ſich die Gelegenheit; da fand er in dem letzten einen unermeßlichen Schatz von Gold und Silber und Edelſteinen, den nahm er mit ſich und führte nun auch die Königstöchter durch den dunkeln Gang an die Oeff— nung in die Oberwelt. Er rief aber ſeinen Geſellen hinauf: er bringe drei Königstöchter und einen großen Schatz: die beiden ältern Königstöchter ſollten ihnen gehören, die Jüngſte aber ſolle ſein Weib werden, den Schatz ſollten ſie theilen; nur ſollten ſie jetzt Alles hinaufziehen. Als der Steinzerreiber und Baumdreher die drei Jungfrauen und den Schatz hinauf— gezogen hatten, ſahen fie, daß die Koͤnigstöchter ſehr ſchön waren, die Jüngſte aber war die ſchönſte; fie ſprachen unter⸗ einander: „er ſoll ſie nicht bekommen; wir ziehen ihn bis zur Hälfte, dann laſſen wir los, daß er zerſchmettert!“ Hans aber merkte ihre Bosheit, band einen dicken Stein an das Seil und wie ſie dieſen bis in die Mitte gezogen hatten, ließen ſie los und der Stein fiel herab und zerſchellte auf kleine Stücke. Die Beiden waren froh, nahmen den Schatz und die Koͤnigstöchter und gingen weiter; aber bald fingen ſie unter einander an zu
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ftreiten, denn jeder von ihnen wollte die Jüngſte haben. Ju⸗ deffen dachte Hans, wie er hinaus käme. Er ging lange herum und wußte ſich nicht zu helfen; endlich fand er in einem Win⸗ kel den kleinen Mann mit dem ſieben Ellen langen Bart, der noch immer um die Eiche umwunden war. Dieſer mußte ſich mit der Eiche fortſchleppen und ihm einen andern Weg auf die obere Welt zeigen. Sie gingen und kamen nach langer Zeit an einen mächtigen hohen Baum, der mit ſeiner Spitze weit nach der Oberwelt ragte. Da ſagte der Kleine zu Hand: er ſolle nur da hinaufſteigen; ſo werde er ſchon in die obere Welt kommen. Als Hans ſieben Tage geſtiegen war, kam er end— lich in die Spitze; von da ſah er weit, weit ein kleines Licht und das war in der Oberwelt; aber wie ſollte er nun dahin kommen? Indem er darüber nachdachte, ſah er auf dem Baum ein großes Neſt, darin waren junge Vögel. Da kroch eben eine gewaltige Schlange am Baum herauf, die wollte die klei⸗ nen Vögel freſſen. Wie nun die Kleinen die Schlange merk— ten, flatterten ſie voll Angſt herum und ſchrieen: „lieber Mann hilf uns, ſonſt ſind wir verloren!“ Da zerſchmetterte Hans mit ſeiner Keule der Schlange das Haupt, faßte ihren Leib dann in beide Hände und zerquetſchte und zerknitterte ſie auf tauſend Stücke. Indem kam auch der alte Vogel. Wie er den Hans von Blut beſpritzt bei dem Neſte ſah, ſo dachte er gleich: „ha der hat deine Kinder umgebracht,“ ward wüthend und verſchluckte den Hans gleich im erſten Grimm. Nun ſah er aber ſeine Kleinen wohlbehalten und dieſe erzählten, wie der Mann fie vor der böſen Schlange gerettet habe und Flag- ten und weinten, daß er nun dafür ſo ſchlecht belohnt ſei. Da ſpuckte der alte Vogel den Hans wieder aus und der war nun viel ſchöner und herrlicher; er ſprach aber auch zu Hans: „weil du meine Kinder gerettet haſt, ſo wünſche dir etwas!“ „Trage
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mich auf die Oberwelt!“ ſprach Hans zum Vogel. „Das ſoll geſchehen, doch mußt du mir erſt ſieben Fäſſer Wein und ſie⸗ ben Löwen heraufbringen, daß ich Nahrung habe auf dem Wege, denn er iſt weit länger, als du glaubſt.“ Hans ſtieg hinunter und brachte Alles herauf, belud den Vogel und ſetzte ſich auf ſeinen Hals. Da hob ſich der Vogel und flog dem kleinen Lichte zu; ſo oft er rief: „Fleiſch, Wein!“ gab ihm Hans im⸗ mer einen Löwen und ein Faß Wein. Als Alles aufgezehrt war, gelangten ſie auch auf die Oberwelt. Hans ſtieg ab und dankte dem Vogel; der ſenkte ſich jetzt wie der Blitz hinunter in ſein Neſt. Hans wanderte fort und traf bald zwei Königs⸗ ſöhne, die in die Welt zogen und ſich Frauen ſuchten. „Kommt mit mir!“ ſprach Hans und ſie folgten ihm. Da dachte er an ſeine falſchen Knechte und an die ſchönen Königstöchter und an die Jüngſte und Schönſte, die er zu ſeinem Weibe beſtimmt hatte. Nicht lange ſo traf er ſeine Knechte, wie ſie noch mit einander im Kampfe lagen. Keiner der beiden gönnte dem andern die jüngſte Königstochter. Die drei Jungfrauen aber ſtanden von weitem und ſahen zu. Da trat Hans plötzlich unter die Kämpfer, wie ſie ſich gerade umſchlungen hatten und ſie ſtanden gleich ſteif und erſtarrt vor Schrecken und Hans rief mit furchtbarer Stimme: „ha ihr Feigen und Elenden, weil ihr mich betrügen wolltet, ſo empfangt jetzt euern Lohn!“ Damit hob er ſeine Keule und ſchlug beide auf einen Schlag todt. Dann ging er zu den Königstöchtern und ſprach zu der Jüngſten, ob ſie ihn zum Gemahl haben wolle? Sie ſagte nicht nein und Hans freute ſich und ſprach zu den beiden äl- teren Jungfrauen: „weil jede Frau ihren Mann haben muß, ſo will ich auch für euch ſorgen!“ Er führte ſie jetzt zu den beiden Königsſöhnen und gab einem jeden eine; er theilte auch den großen Schatz mit dieſen und dann feierten ſie mit
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einander die Hochzeit und waren über die Maßen froh und glücklich.
18. Der Zigeuner und die drei Teufel.
Unſer Herr Chriſtus wanderte mit Petrus und Johannes durch mancherlei Länder, um zu ſehen, wie es in der Welt ginge. Da kamen ſie eines Abends zu einem Zigeuner und baten um Herberge. Nur die Frau war zu Hauſe; der Mann war im Wirthshaus. „Ich möchte euch gerne aufnehmen,“ ſprach die Zigeunerin, „aber mein Mann wird euch mißhandeln, wenn er nach Hauſe kommt!“ „Nu es wird ja nicht arg ſein!“ ſprach der Herr; „wir legen uns gleich in den Winkel zum Schlafen und da wird er uns ſchwerlich bemerken!“ Jetzt wollte ſie die Zigeunerin nicht abweiſen, ſie machte eine Streu und die drei Wanderer legten ſich: der Herr zunächſt, Johan⸗ nes in die Mitte, Petrus an die Wand. Als der Zigeuner ſchwer angetrunken nach Hauſe kam, fing er an zu ſchelten und zu lärmen und auf ſeine Frau loszuſchlagen: „du glaubſt ich ſei betrunken, du lügſt!“ „Aber Mann, ich habe ja gar nichts gefagt!" Indem erblickte er die Drei auf dem Boden. „Ha Schlange, wen haſt du hier?“ „Es ſind müde Wanderer!“ „Ei zum Donner, konnten die nicht auf der Gaſſe ſchlafen!“ Da ließ er ſeine Frau und fing nun auf den erſten beſten an zu ſchlagen und das war Chriſtus. Der Herr regte und rührte ſich nicht. Als am Morgen die Wanderer dankten und fort- gehen wollten, hatte der Zigeuner ſeinen Rauſch verſchlafen und bat um Verzeihung, daß er ſie mißhandelt habe: er habe es nicht gerne gethan, allein wenn er luſtig ſei, müſſe er Jeman⸗
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den ſchlagen. Der Herr ſprach ſanftmüthig: „ſchon gut, kein Menſch iſt ja ohne Fehler!“ Damit gingen ſie fort.
Nach einem Jahr aber kehrte der Herr mit den beiden Jüngern wieder da ein. Der Zigeuner war auch jetzt nicht zu Hauſe, ſondern wie gewöhnlich, wenn er Geld hatte, im Wirthshaus. Chriſtus hatte ſich diesmal in die Mitte gelegt. Als der Zigeuner betrunken heimkam, ſchalt und lärmte er abermals und ſchlug auf ſeine Frau und als dieſe ihm ſagte, es ſeien wieder die drei armen Wanderer da, ließ er ſeine Frau und ſchlug auf den Mittlern los. „Die Reihe iſt jetzt an dem!“ ſprach er bei ſich; es war aber wieder Chriſtus, den er geſchlagen hatte. Am andern Morgen bat er abermals um Verzeihung und der Herr ſagte wieder: „ſchon gut, kein Menſch iſt ja ohne Fehler!“ Zum drittenmal wieder nach einem Jahre kehrten die drei Wanderer bei dem Zigeuner ein; jetzt hatte ſich Chriſtus an die Wand gelegt. Als der Zigeuner betrunken aus dem Wirthshaus nach Hauſe kam, ſchlug er mit Vorbedacht den dritten. „Jetzt dürfen ſie einander nichts vorwerfen!“ ſprach er bei ſich; jeder hat ſein Theil bekommen; allein Chriſtus hatte auch diesmal die Schläge empfangen. Als ſie am andern Morgen Abſchied nahmen, bat der Zigeuner wieder gar ſehr um Verzeihung für ſeine Unart; er meine es gar nicht ſchlecht; allein wenn er in der Luſt ſei, müſſe er Jeman⸗ den ſchlagen. Da freute ſich der Herr, daß er im Grunde ein ſo gutes Herz habe und ſprach zu ihm: „erbitte dir dreierlei Gnade!“ „So bitte ich“ ſprach der Zigeuner um einen Beutel voll Geld, der nie leer wird, zum zweiten um einen Spiegel mit der Eigenſchaft, daß, wer einmal hineinſieht, ſich nicht von der Stelle rühren kann, bis ich ihn nicht fortſtoße und zum dritten um einen Birnbaum vor meinem Haus ſtets voll von Früchten mit der Eigenſchaft, daß, wer hinaufkriecht, nicht
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herunterkommen kann, bis ich ihn nicht herunterſtoße.“ „Es ſoll dir werden!“ ſprach Chriſtus und damit zog er mit Petrus und Johannes weiter. Der Zigeuner freute ſich ſehr, wie er am nächften Tage feine Wünſche erfüllt ſah. „Jetzt habe ich, was mein Herz begehrt; nun kann ich immerfort luſtig leben!“ Von da an war er jeden Tag vom Morgen bis zum Abend im Wirthshaus und lebte wie ein Kaiſer oder König, aß ſtets Schweinefleiſch und trank ſtets ſüßen Roſolie. Endlich aber, als es Zeit war, daß er ſterben ſollte, kam der Teufel und ſprach: „na Bruder Midi, jetzt biſt du mein, auf und folge mir!“ „Gleich auf der Stelle, nur daß ich meine Sachen zuſammennehme, ſieh indeß in jenem Spiegel, was für ein ſchöner Kerl du biſt!“ Der Teufel that das gerne; denn er denkt ja auch, er ſei ſchön und wo er kann, beſieht er ſich im Spiegel. Der Zigeuner ging indeß in ſeine Schmiede und machte eine Zange glühend und kam dann und faßte den Teufel an ſeiner Naſe, verſengte und dehnte ſie; der Arme konnte ſich nicht von der Stelle rühren; er brüllte aber vor entſetzlichem Schmerze. Da ſtieß ihn zuletzt der Zigeuner, daß er zur Thüre hinausflog. Der Teufel aber war froh und lief, daß er kein Leben hatte. Der Zigeuner dachte: „der wird dir gewiß nicht wieder kommen!“ Als der Teufel außer Athem in der Hölle ankam, erzählte er ſeinem Vater und ſeinem Bruder, was ihm begegnet ſei und die mußten die Wahrheit an feiner Naſe er- kennen. „Du elender Kerl!“ ſprach ſein Bruder, „warte ich will ihn gleich lehren und holen!“ Da ging er zum Zigeuner und ohne einen guten Tag zu bieten, rief er von der Gaſſe, denn er wollte gar nicht ins Zimmer, damit er nicht in den Spiegel ſehe, ihm trotzig zu: „he Midi, du biſt mein, auf folge mir!“ „Auf der Stelle!“ ſprach der Zigeuner; „ich will nur ein wenig einſacken, daß wir auf dem weiten Wege zu
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efien haben!“ Damit ging er hinaus und brachte einen großen Kohlenſack und ſprach zum Teufel: „ſei ſo gut und krieche auf den Baum und fülle dieſen Sack, bis ich meine Reiſe⸗Kleider anlege.“ Das gefiel dem Teufel, denn er hatte die ſchönen Birnen ſchon lange angeſehen und ſie zu koſten gewünſcht. Der Zigeuner aber ging in die Schmiede, nahm eine lange Eiſen⸗ ſtange, ſchärfte ſie an dem einen Ende und machte die Spitze ganz glühend. Dann kam er und ſtach damit auf den Teufel, daß dieſer laut aufheulte; er kroch immer hoher am Baum, damit der Zigeuner ihn nicht mehr erreichen könne. Der aber nahm zuletzt eine Leiter und ſtocherte immerfort den Teufel in die Seite; der war zuletzt bis in die hoͤchſte Baumſpitze hinauf, da brach dieſe ab und er plumpſte wie ein Sack herunter und brach noch ein Bein. Dennoch raffte er ſich ſchnell auf und lief unter großem Geheul in einem fort bis in die Holle. Da kam ſein Bruder ſchadenfroh und rief: „aha! da haſt's! ſagt' ich dirs! da haſt's!“ Der Zerſchlagene aber hielt immerfort die Hände an ſeine zerſtochenen Seiten und zeigte ſeinen zer— brochenen Fuß und jammerte entſetzlich. Der alte Teufel ſtand da und wußte nicht, was er ſagen ſollte; endlich ſeufzte er: „das muß ein gedonnerter Kerl ſein! den möchte ich auch ken— nen lernen!“ Er hatte aber dennoch keine Luſt, hinzugehen. Der Zigeuner lebte von da wieder luſtig und ungeſtört noch eine gute Zeit. Als er endlich fühlte, daß er ſterben müſſe, befahl er, daß man ihm ſeine lederne Schürze, Vor— ſchürze und Nägel, Hammer und Zange neben ihn lege. Als er geſtorben war, kam er vor die Himmelsthüre und klopfte an. Da erſchien Petrus gleich mit den vielen Schlüſſeln und öffnete. Wie er aber den Zigeuner ſah, rief er: „du gehörſt nicht hieher, du haſt lüderlich gelebt!“ und ſchlug damit die Thüre gewaltig zu. Da bat der Zigeuner gar unterthänig,
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er möge ihn doch einlaſſen; er wolle alle Schmiedearbeit im Himmel umſonſt thun und ſchlug auch gleich einige Nägel in die Himmelsthüre, die herausgefallen waren; aber Petrus war nicht zu erweichen. Da blieb dem Zigeuner nichts anders übrig, als in die Hölle zu gehen und da ſein Glück zu verſuchen. „Da haſt du wenigſtens das Feuer umſonſt!“ tröſtete er ſich und kannſt immer deines Handwerks pflegen. Als er an das Höllenthor angelangt war, nahm er ſeinen Hammer und klopfte. Da kam der junge Teufel mit der langgedehnten Naſe und ſah durch die Thorritze; gleich erkannte er den furchtbaren Mann und lief voll Entſetzen davon und ſchrie: „er iſt hier, er iſt hier!“ Als der andere das hörte, der auf dem Baum geſeſſen, lief er mit und den alten Teufel packte die Furcht anfangs auch und er lief gleichfalls und ſie kamen in den innerſten Höllenwinkel und verkrochen ſich. Der Zigeuner aber klopfte fort und immer ſtärker. Da ſprach der alte Teufel: „ich möchte ihn doch auch nur ſehen“ und wie ſehr ihn die beiden Söhne zurückzuhalten ſuchten, ſo ging er doch, denn ſeine Neu— gierde war zu groß. Er öffnete das Thor nur ein wenig und ſteckte ſeine Naſe hinaus. Tſchack! ſchnapte der Zigeuner die Spitze davon mit ſeiner Zange ab. Der Alte drückte die Thüre ſchnell zu, klemmte aber dabei ſeinen Bart ein und konnte jetzt nicht frei werden, wie ſehr er herumzerrte; ſeine Söhne fürchteten ſich aber, ihm zu Hilfe zu kommen und ſo mußte der Alte ſeinen Geiſt elendiglich aufgeben und ſeitdem ſpricht man nicht mehr vom alten Teufel, ſondern nur von ſeinen Söhnen, dem langnaſigen und hinkenden Teufel.
Die Zeit aber wurde dem Zigeuner vor dem Höllenthor endlich zu lang; er verſuchte noch einmal an der Himmelsthüre; doch Petrus blieb unerweichlich. Zuletzt wurde er auch zornig und ſprach: „weil man mich denn weder in den Himmel noch
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in die Hölle einläßt; ſo iſt es mir recht; ich gehe wieder auf die Erde, da gefällt es mir ohnehin beſſer!“ Und ſo findet man den Zigeuner bis auf den heutigen Tag hier. Wenn er Geld hat, iſt er im Wirthshaus; hat er keins, ergeigt er ſich einen Trunk, oder er nimmt den Hammer und macht Schuh⸗ und Lattnägel.
19. Der tauſendfleckige, ſtarke Wila.
Ein junger König hatte eine wunderſchöne Königstochter zur Frau; aber er hatte auch eine boshafte und falſche Mutter, die wurmte es, daß jene jo überaus ſchön war; ſie ſtellte ſich aber immer freundlich gegen ſie. Nun trug es ſich zu, daß der junge König in den Krieg zog und ſeiner Mutter die Sorge für die junge Königin übertrug, denn die war ſchwanger. Da ließ die Alte eines Tages eine große Jagd anſtellen und befahl dem Jäger eine Flaſche mit Blutstropfen von tauſenderlei Thieren zu füllen. Als ſie das Blut hatte, lud ſie die junge Frau zum Abendmahle ein, ſchenkte ſich ein Glas dunklen Wein und der jungen Frau Blut ein. Dann ſprach ſie: „ſtoßen wir an und leeren das Glas auf das Wohl des Königs, der jetzt im Kriege iſt!“ Sie trank den Wein, die junge Königin das Blut; aber dieſe merkte gleich, daß es Blut war, was ſie getrunken hatte. Als nun die junge Frau nach einigen Tagen eines Söhnleins genaß, ſo hatte das tauſenderlei Blutflecken am Leib und Geſicht, alſo daß man ſich mit Entſetzen von ihm abwenden mußte. Aber die alte Königin hielt die Sache des Jägers wegen geheim, denn der hätte ſie verrathen können und ſchrieb allein ihrem Sohn ſo und ſo, wie untreu ihm ſeine Gattin geweſen und der befahl zurück, wie wehe es ihm auch
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that, das Gericht ſolle über ſie erkennen. Alsbald wurden ſieben Könige zuſammenberufen und die meiſten ſtimmten dafür, man ſolle ſie hinrichten; nur der Aelteſte ſchlug vor: „man ſolle ſie dahin und dahin in den tiefen Abgrund führen, den verſchließen, da werde ſie wohl umkommen und Niemand werde ſie weiter ſehen. Das wurde auch angenommen und die junge Königin wurde mit ihrem Kinde bald hinausgeſchleppt in den Abgrund und vor die kleine Oeffnung wurde ein mächtiges Felsſtück gewälzt. Da lebte ſie und nährte ſich und ihr Kind kümmerlich von Kräutern und Wurzeln viele Jahre lang und der Knabe, ſeine Mutter nannte ihn Wila, ward groß und ſtark. Eines Tages ſagte er: „Mutter, ich möchte doch ſehen, wohin die Bergſpalte führt!“ „Ach mein Kind du biſt nicht ſtark genug, um den Stein fortzuwälzen!“ Er aber ging hin und verſuchte; doch regte und rührte ſich der Fels nicht von der Stelle. Nun verſuchte er jeden Tag und nach einem Jahr fing der Stein an ſich zu rühren, nach dem zweiten Jahr ſchon mehr und als das dritte zu Ende ging, hatte ers ſo weit gebracht, daß er den Stein leicht auf die Seite ſchob. „Jetzt bin ich ſtark genug Mutter; ich will dienen gehen!“ „So gehe denn in Gottes Namen und vergiß meiner nicht; ich bleibe hier; wälze den Stein wieder vor, daß keine Menſchen— ſeele mich Unglückliche hier treffen kann!“ Alſo nahm der Knabe Abſchied von ſeiner Mutter, wälzte den Stein wieder vor und wanderte fort um einen Dienſt zu ſuchen. Er war aber ſo ſtark geworden, daß er die größte Tanne im Walde ausriß und auf die Spitze ſtampfte, daß das Gezweig zerbrach und abfiel; den Stumpf behielt er als Stab in der Hand. Wenn er ausathmete, blies er Alles fort und wenn er Athem holte, zog er Alles an; wenn er einmal laut ſchrie, ſo zer— ſplitterten Steine und Bäume, auf die der Schall fuhr. Da
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traf es ſich, daß ein König die Straße kam, der wollte eben zu ſeiner Braut fahren und Hochzeit halten. Der ſtarke Wila ſtellte ſich in den Weg und rief: „haltet ein wenig! wünſchet ihr keinen Knecht!“ Da ſah der König aus dem Wagen heraus und wie er den ſtarken Wila mit den tauſenderlei Blutflecken im Geſichte erblickte, ſo entſetzte er ſich. „Nein, nein!“ rief der König und befahl weiter zu fahren; aber der ſtarke Wila zog den Athem an und der Wagen konnte nicht von der Stelle. „So nehmt mich doch, ich werde euch treue Dienſte leiſten! Warum zaudert ihr?“ „Ich fürchte mich vor dir,“ ſprach der König „und meine Leute würden alle davon- laufen, wenn ſie dich nur ſähen!“ „Haltet mich am Tage verborgen und laſſet mich nur in dunkler Nacht arbeiten!“ Der König ſah, daß er nicht frei werden konnte. „So iſt es mir recht!“ ſprach er; allein du mußt hier warten, bis ich von der Hochzeit heimkehre!“ „Aber ich möchte gerne auch bei der Hochzeit ſein, ſteckt mich in den Keller, daß Niemand mich ſieht!“ „Lege dich denn zurück in meinen Wagen, ich will dich verbergen.“ Der König gelangte endlich in das Schloß ſeiner Braut und verſteckte den ſtarken Wila gleich in den Keller, gab ihm Eſſen und Trinken die Fülle und verſchloß dann die Thüre; aber der König hatte an dem ganzen Feſt keine rechte Freude, ſondern ſaß ſtill und traurig neben ſeiner fröhlichen Braut und der Vater und die Mutter derſelben und die Hochzeitögäfte verwunderten ſich ſehr darüber und es war ihnen nicht recht. Da trug es ſich zu, daß die Braut, als ſie mit dem Bräutigam in ihr Zimmer ging, plötzlich zuſammen— ſank und todt war. Der Verdacht fiel auf den Bräutigam, er habe ſie vergiftet oder ihr ein geheimes Leid gethan; er wurde gleich feſtgenommen und am folgenden Morgen ſprach man über ihn das Urtheil: er ſolle in einem einſam ſtehenden Deutſche Volksmärchen aus Siebenbürgen. 7
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Thurme vermauert werden. Alsbald wurde das Urtheil auch vollzogen. Wila aber hatte im Keller Alles gehört und als es wieder Abend und Alles ruhig war, ſo athmete er einmal gegen die Thür und ſie fiel gleich hinaus, dann blies er die Schloßmauer durch und ging hinaus zu dem Thurme, rief dem König, daß die Mauer durch den Ruf gleich einen Riß bekam und ſprach: „wenn ihr mir etwas verſprecht, ſo will ich euch retten!“ „Und was iſt das?“ fragte der König. „Ihr ſollt meine Mutter zur Frau nehmen!“ „Iſt ſie auch ſo häßlich, wie du biſt?“ „Noch tauſendmal häßlicher!“ ſprach Wilg. „So will ich lieber hier bleiben und ſterben!“ ſagte der König. Wila ging fort und kam nach einiger Zeit wieder und fragte: „wie denkt ihr noch Herr König?“ „Lieber ſterben!“ ſprach er wieder. Aber bald kam ihn jdie Luft zum Leben an, daß er ſeinen Sinn änderte und als Wila zum drittenmal fragte: „wie denkt ihr noch Herr König?" „Ich will fie nehmen! doch möcht' ich erſt nach Hauſe und die Hochzeitfeier anordnen!“ „Das kann geſchehen!“ ſagte Wila, „ich gehe mit euch,“ und nun that er ſeinen Mund auf und ſtieß einen ſo mächtigen Schrei aus gegen den Thurm, daß er ſogleich barſt und aus— einanderfiel. Der König kam gerettet heraus und zog mit Wila nach Hauſe. Da liefen alle Leute des Königs vom Hofe fort, als ſie den tauſendfleckigen Diener ihres Herrn ſahen. Der König erzählte, was ihm Alles begegnet ſei, wie ihn Wila gerettet und wie er ihm dafür verſprochen habe, ſeine Mutter zum Weib zu nehmen, obgleich ſie noch tauſendmal häßlicher ſei, als jener. Da entſetzten ſich die Seinigen, vor Allen ſeine Mutter, denn ſie ahnte nichts Gutes. Sie ſuchten den König zu überreden, er ſolle Wila insgeheim umbringen laſſen, fo werde er feines Verſprechens ledig. Aber der König ſprach zornig: „was ich verſprochen habe, iſt verſprochen und
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das will ich halten; es ſei ferne von mir, daß ich ſo große Untreue üben ſollte!“ und ließ nun Anſtalten machen und das Feſt bereiten; dann zog er mit Wila fort, um ſeine Braut zu holen. Wie fie nun durch den Wald an die Höhle kamen, ſchob Wila das Felsſtück fort. Der König aber zitterte im voraus vor der entſetzlichen Geſtalt, die er bald ſehen werde; er hielt beide Hände vors Geſicht; um nicht auf einmal die volle Häßlichkeit zu ſehen, blickte er nur durch die Finger; aber was ſah er nur einmal? Die ſchönſte Frau auf Gottes Erd— boden ſaß da in tiefer Trauer. Er nahm die Hände vom Geſicht: „iſt es möglich! Weib, mein liebes Weib!“ und ſank in ihren Schoß. Nachdem ſie ſich beide vom Wiederſehen erholt hatten, ſagte die Frau: „ſiehe das iſt dein Sohn!“ und erzählte nun dem Köng die ganze Geſchichte, wie es gekommen, daß er tauſenderlei Blutflecken am Leib und im Geſicht habe und wie an Allem die Mutter des Königs ſchuld ſei. „Sie ſoll die wohlverdiente Strafe empfangen!“ rief der König außer ſich vor Zorn; „wohlan ziehen wir nach Hauſe.“
Als fie nun daheim anulangten; fo hielten viele die Hände vors Geſicht, andere hatten ſich verſteckt, um die häßliche Braut nicht zu ſehen; nur die alte Königin ſah durch die Finger und wie ſie die ſchöne Frau erblickte, ſo erkannte ſie dieſelbe gleich. „Huhu!“ rief ſie voll Entſetzen und ſchlug gleich die Augen zu und ſank zu Boden. Die Leute glaubten, die Alte habe ſich vor der Häßlichkeit der Königsbraut ſo entſetzt, thaten die Augen auf, um ihr beizuſtehen; da erblickten ſie die große Schönheit ihrer neuen Herrin und freuten ſich ſehr. Der König aber ließ ſeine Mutter ergreifen und das Gericht erkannte über ſie, man ſolle ſie in einem Thurm vermauern und das Urtheil wurde auch gleich vollzogen und ſie mußte dort den Hungertod ſterben.
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Nun aber ließ der König feine Weifen zuſammenkommen und fragte fie, ob es kein Mittel gebe, die Blutflecken vom Leibe des ſtarken Wila zu tilgen. „Das iſt wohl möglich,“ ſprachen ſie, „wenn alle Thiere, von denen das Blut herrührt, die Blutmale ablecken!“ Da mußte der Jäger, der die Tropfen ohne zu wiffen wozu der alten Königin herbeigeſchafft hatte, die tauſenderlei Thiere fangen und als dieſe den ſtarken Wila geleckt hatten, war er nicht nur der ſtärkſte ſondern auch der ſchönſte Königsſohn und ſein Name wurde berühmt in allen Landen.
20. Der Knabe und die Schlange.
Es war einmal eine arme, arme Frau, die hatte einen Knaben und ſuchte durch Spinnen ſo viel zu verdienen, daß ſie leben konnten; was ſie aber zu Hauſe ſpann, das trug der Knabe zum Verkauf. Einmal hatte er einen ganzen Groſchen eingelöſt und kam fröhlich nach Hauſe; da ſah er, wie böſe Knaben eine junge Schlange quälten. Er erbarmte ſich der armen und ſprach: „gebt ihr mir das Thier um einen Groſchen!“ Das waren die zufrieden. Da nahm der Knabe die Schlange und trug ſie nach Hauſe und ſprach: „ſiehe Mutter, was ich für den Erlös gekauft habe!“ Die Mutter aber ſchüttelte das Haupt und ſprach: „o du thörichter Menſch, wie haſt du um das giftige Thier einen Groſchen geben können!“ „Laſſe es nur gut ſein, Mutter, die wird mir gewißlich einmal danken!“ Er pflegte ſie nun ſehr gut und gab ihr von Allem, was er aß und trank und ſie wuchs allmälig zu einer mächtigen Schlange heran. Als ſie nun groß genug und ausgewachſen war, ſprach ſie eines Tages zum Knaben: „wiſſe, ich bin die einzige Tochter
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des großen Schlangenkönigs; fige nun auf meinen Rücken; ich will in meine Heimat ziehen und dich mitnehmen und mein Vater wird dirs vergelten, was du an mir gethan haſt!“ Der Knabe ſetzte ſich auf die Schlange und in kurzer Zeit waren ſie weit, weit weg in einem großen Wald. Da ſprach die Schlange: „krieche hier auf den höchſten Baum!“ Kaum war es geſchehen; ſo pfiff ſie dreimal ſo gewaltig, daß der ſcharfe Ton den Knaben durchging, als ſei er mit einer langen Nadel durchſtochen worden. Nur einmal wimmelten und krimmelten von allen Seiten eine Menge Schlangen herzu und waren froh, daß die verlorne Königstochter wieder da war und ſie ſchmiegten und neigten ſich vor ihr. Endlich kam auch ihr Vater der Schlangenkönig; er war größer als die andern Schlangen und hatte eine Krone auf, daraus ſtrahlte ein großer Karfunkelſtein. Er aber freute ſich ſehr, als er ſeine Tochter ſah; ſie mußte ihm ihr Schickſal erzählen, wie ſie von böſen Knaben gefangen und gequält, endlich von einem guten Jungen gekauft und dann gut gepflegt worden wäre. Da fragte der König: „wo der gute Junge zu finden ſei; er möchte ihm die Wohlthat vergelten!“ „Wenn du mir verſprichſt, daß du ihm nichts Uebles zufügen und ihm das ſchenken willſt, was er ſich wünſcht; jo will ich ihn herbeiholen!“ „Ja, das ſoll ge- ſchehen!“ ſprach der Schlangenkönig. Da rief die Schlange den Knaben vom Baume herunter. Dieſer kam voll Furcht; denn die Schlangen züngelten und ziſchelten von allen Seiten nach ihm; aber ſie durften ihm nichts thun! „Nun,“ ſprach der Schlangenkönig, „wünſche dir etwas Junge, weil du ſo gut für meine Tochter geſorgt haſt!“ Dieſe hatte aber dem Knaben auf der Herreiſe geſagt: er ſolle nur das weiße Sonnenroß ihres Vaters mit den acht Füßen verlangen und den Karfun⸗ kelſtein aus der Krone. So that er jetzt. Aber der Schlangen⸗
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könig wollte nicht und ſprach: „ich gebe dir jedes andere von meinen Pferden und große Schätze dazu; nur mein weißes Sonnenroß und den Karfunkelſtein kann ich dir nicht geben!“ Doch der Knabe beharrte auf ſeinem Verlangen. Da wurde der Schlangenkönig zornig: „lieber will ich dich gleich ver— ſchlingen, als daß ich mein koſtbarſtes Gut dir geben ſollte!“ und wie ers geſagt, war der Junge auch ſchon verſchluckt in ſeinem Bauche. Nun aber fing die junge Königsſchlange an zu jammern und zu klagen: „wehe mir, wäre ich doch lieber nie mehr gekommen, um nicht zu ſehen, wie undankbar mein Vater iſt und wie er ſein Wort nicht hält!“ Als dies der Alte hörte und ſeine Tochter nicht tröſten konnte; ſo ſpie er nur einmal den Jungen wieder aus. Aber der ſah jetzt nicht mehr aus, wie ein armer Junge, ſondern er war groß und ſchön, wie ein Königsſohn. Der Schlangenkönig brach den Karfunkelſtein aus ſeiner Krone, gab ihn dem Knaben und ſprach: „du ſollſt auch mein Roß gleich haben!“ und ließ das weiße Sonnenroß herbeiführen, ſetzte den Jungen darauf und ſprach: „reite nun in die Welt und wenn du etwas Schweres zu verrichten haſt, ſage es nur deinem Roß, das wird dir immer durchhelfen; wenn es aber Nacht iſt; ſo nimm nur den Karfunkel hervor und füge ihn dem Roß an die Stirne; ſo wirſt du vor dir immer Tag haben!“ Damit ritt der Junge fort und bald waren ſie aus dem Schlangenreiche hinaus; denn das Roß lief ſchneller, als der Morgenwind und ſprang immer von einer Bergſpitze zur andern. Er hatte aber immerfort Tag; denn wenn die Nacht herankam, nahm er den Karfunfel- ſtein hervor und der ſtrahlte, wie die Sonne. Er kam endlich in ein Land, wo ein reicher und ſtolzer König herrſchte. Eben ward es Tag; da verbarg er den Karfunkelſtein und zog an den Hof und ſprach: „er möchte dem König dienen, wenn er
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jein Roß auch in dem königlichen Stall halten dürfe.“ Das gewährte man ihm gern. Der König aber war ein großer Jäger und war alle Tage auf der Jagd; wer nun von ſeinen Dienern das meiſte Wild erlegte, der war ihm der liebſte. In kurzer Zeit war das der junge Knecht; denn wenn er auf ſeinem weißen Sonnenroß jagte; ſo konnte ihm kein Wild, weder Hirſch, noch Wolf, noch Bär und Eber entgehen. Der König nahm nun den andern Knechten von ihrem Lohn und gab Alles ſeinem Liebling. Das wurmte dieſe und ſie gingen darauf aus, ihn zu verderben. Es war aber am Ende einer Wüſte in hohem Schilfrohr eine wilde Kräm (Sau) mit goldnen Borſten und hatte zwölf Ferkel. Schon viele, die ſie hatten erjagen wollen, waren elendiglich umgekommen. Der König wußte auch davon und hätte die Kräm wohl gerne gehabt; doch wagte er ſelbſt nicht, ſie zu erjagen. Nun kamen die falſchen und neidiſchen Knechte vor den König und ſprachen: „Herr, dein Knecht hat ſich gerühmt, es ſei ihm ein Leichtes, die wilde Kräm mit den goldnen Borſten ſammt ihren zwölf Ferkeln zu fangen!“ Da ließ ihn der König ſogleich vor ſich rufen und ſagte ihm, was er gehört hätte; allein der Knecht betheuerte, er wiſſe nichts davon. Der König aber ließ ſich nicht abbringen und ſprach: „wenn Morgen früh die Kräm mit den goldnen Bor— ſten ſammt ihren zwölf Ferkeln nicht in meinem Schloßhof herumläuft; jo laſſe ich dir das Haupt abſchlagen!“ Da ward der Junge ſehr traurig, ging in den Stall und klagte ſeinem Roß. „Faſſe nur Muth!“ ſprach dieſes, „ich will dir dazu ver- helfen; gehe gleich zum König und verlange von ihm einen großen langen Sack auf zwanzig Kübel und laſſe denſelben inwendig mit Pech beſtreichen. Als das geſchehen war, nahm der Knabe den Sack und ſetzte ſich auf ſein Roß und das trug ihn über die Sandwüſte zum Schilfe; hier ſtellte er, wie
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fein Roß ihm geſagt, den Sack offen hin, ſtand ſelbſt daneben und das Pferd fing